550 Krippen aus 100 Ländern in Steinbach an der Steyr

[131] OÖN 30. November 2013

Die Darstellungen des Weihnachtsgeschehens erzählen berührende Geschichten

Eine Idee gebiert die nächste: Seit 20 Jahren wird auf dem verträumt anmutenden Dorfplatz von Steinbach an der Steyr täglich ein weiteres adventlich gestaltetes Fenster beleuchtet. Wer aber in den ersten Dezembertagen kam, sah natürlich fast lauter geschlossene Fenster. Eine zusätzliche Adventattraktion war gefragt.
Volksschuldirektor Willi Pils setzte sich in den Kopf, eine Sammlung von Krippen aus aller Welt aufzubauen. Er bat alle österreichischen Botschaften rund um den Globus um eine für die dortige Volkskultur typische Krippe – der Erfolg war überwältigend. Mit 90 Prozent  Rückmeldungen hatte er nicht gerechnet.
Die Botschaft in Kolumbien etwa schrieb, in dem riesigen Land gebe es nicht die typische Krippe schlechthin,  daher schickte sie sechs Krippen aus verschiedenen Regionen und Kulturen. Nach den Botschaften wandte sich Willi Pils über die päpstliche Nuntiatur an Missionsorden in aller Welt, und auch die Schwestern begannen eifrig zu sammeln.

Bis heute ist die Sammlung auf 550 Krippen aus 100 Ländern angewachsen. Im 2001 eröffneten, barrierefreien Krippenhaus von Steinbach an der Steyr ist sie zu besichtigen, genaue Beschreibungen begleiten die Besucher auf eine Krippenreise durch alle Kontinente.
Sogar die Länder Europas haben auffällige Unterschiede zu bieten. In Irland hat der Nationalheilige St. Patrick seinen Fixplatz als Krippenfigur. In Krippen der Provence (Frankreich) wird Typisches aus der Region dargestellt, steinerne Rundhäuser etwa, der Maler Paul Cézanne sitzt an der Staffelei vor seinem Haus, eine Roma-Sippe zieht mit ihrem Pferdewagen zum alljährlichen Romatreffen.
Sie alle tauchen als „Santons“ (kleine Heilige) auf, bunt bemalt, in perfekt gestaltete Stoffkleider gewandet. Jeder „Santonnier“ (Krippenkünstler) entwirft seine eigenen Figuren und platziert sich selbst als größte Figur mitten hinein. An diesem Markenzeichen ist sofort erkennbar, wer die Krippe gestaltet hat.
Spanien überrascht mit dem „Caganer“ („der Scheißer“): Ein kleiner Mann mit heruntergelassener Hose hockt neben dem weihnachtlichen Geschehen und „düngt“ die Landschaft. Seine Ausscheidungen machen den Boden um die Krippe fruchtbar und produktiv für das kommende Jahr. Diese eigenwillige Krippenfigur aus der katalanischen Kultur trug ursprünglich typische Bauerntracht, in jüngster Zeit werden bekannte Persönlichkeiten deutlich erkennbar als Scheißer dargestellt. Den Caganer als Glücksbringer in der Krippe akzeptiert übrigens sogar Spaniens katholische Kirche.
Eine einzige Darstellung des Weihnachtsgeschehens wird im Steinbacher Krippenhaus hinter dickem Glas ausgestellt. „Ich möchte sie vor Fanatikern schützen, man weiß ja nie, ob etwa ein Sprayer auf diese Maria losgeht“, erklärt Willi Pils. Denn diese Maria ist eine unverschleierte Iranerin, deshalb dürfte sie niemand sehen. Ihr Weg ins Steyrtal war umständlich und gefährlich.
Eine katholische Schwester in einer Leprastation der Stadt Täbris stellte den Kontakt her zu einem iranischen Teppichknüpfer, der zum Katholizismus übertreten wollte. Als sichtbares Zeichen seines Glaubens  knüpfte er mit drei Helfern eine Teppichkrippe. Als Vorlage diente eine altpersische Weihnachtskarte. Willi Pils schickte den vereinbarten Kaufpreis, doch der Krippenteppich ließ lange auf sich warten.
Schließlich schrieb die Ordensschwester, die iranischen Behörden würden  die Ausfuhr verbieten, weil die dargestellte Maria eindeutig als iranische Frau erkennbar, jedoch unverschleiert sei. Es sei verboten, diese Darstellung irgendwo zu zeigen. Die Schwester fand einen Ausweg: Acht Tage lang fuhr sie immer wieder zum Flughafen, bis sie einen ausländischen Piloten fand, der bereit war, diesen Krippenteppich – 100 x 70 cm, 700.000 Knoten – außer Landes zu bringen. Schließlich kam er in einem zerfledderten Paket nach Steinbach. Beigelegt war ein Brief der Schwester aus dem Iran: „Ich bin in Molln geboren, liebe Grüße an das Steyrtal!“