Abschied vom singenden Schnabel: “Pfüat di, Hansl, fesch is’s gwen”

[102] OÖN 18. April 2013

„Pfüat di, Hansl, fesch is’s gwen“, sagt der Mann mit dem Vogelkäfig und öffnet das Türl. Der „Schnabel“, Ornithologen als Kreuzschnabel bekannt, wendet den Kopf unschlüssig hin und her, hockt noch eine halbe Minute auf einem Ast und singt sein „tsip tsip“ in den Lärchenwald hinein. Dann fliegt er weg. So endet die ein halbes Jahr währende, enge Beziehung zwischen Mensch und Vogel. Der gesellige Kreuzschnabel, der zutraulichere Gimpel, der lebhafte Zeisig und der herrlich bunte Stieglitz haben die kalte Jahreszeit in einer geräumigen Voliere verbracht. Bis 10. April müssen sie wieder frei gelassen werden, bestimmt das OÖ. Naturschutzgesetz.

Dieses Brauchtum ist streng geregelt. Jeder der rund 550 lizenzierten Vogelfänger durfte nur vier im Herbst gefangene Vögel in Volieren überwintern lassen, einen von jeder Art. Die einstige „Jagd des kleinen Mannes“ ist trotzdem ein Streitthema. Von Gegnern als Tierquäler beschimpft, sehen sie sich selbst als Vogelfreunde: „Wir lieben die Vögel. Sie sind zu Gast in unseren Häusern, und einen Gast bewirtet man aufs Beste, bevor man ihn wieder verabschiedet“, sagt Verbandsobmann Alfred Riezinger aus Ebensee. „Statt einen exotischen Vogel zu kaufen, der irgendwann zum Tode im Käfig verurteilt ist, fange ich lieber einen heimischen, beobachte ihn, lerne ihn genau kennen und lasse ihn im Frühling wieder aus.“ Mit etwas Wehmut, dennoch Freude: Der Vogel ist gesund und kräftig, kann ein Brutrevier besetzen und sich wieder ein Weibchen suchen. „Zum Glück hab ich’s nie erlebt, dass sofort ein Raubvogel gekommen ist“, sagt Riezinger. Krähen, Eichelhäher, Elstern, Sperber – Singvögel haben viele natürliche Todfeinde.

Riezinger hat übrigens ein neues Vogelhaus gebaut. Für seine anderen gefiederten Lieblinge, die Hendln. Er hat mehr als einen Vogel.

*

Als kritischer Journalist hatte ich mich dem umstrittenen Brauchtum vor Jahren ohne Vorurteil genähert, alle gängigen Pro- und Contra-Argumente ausblendend. Beobachtete, ohne mich einzumischen, anfangs wachsam beäugt, dann still geduldet. Ich hätte sie gnadenlos verrissen, die Vogelfänger, wenn ich zu einer negativen Beurteilung gelangt wäre. Doch ich habe Menschen kennen gelernt, die für Vögel so tiefe Zuneigung empfinden wie andere für das Familienmitglied Hund. Sie reden mit ihnen, pflegen sie, widmen ihnen viel Zeit: „Gut zwei Stunden jeden Tag“, sagt der Goiserer Roland Klackl, einer der „Beriga Pascher“, dessen kraftvoll zupackende Hände zum Hansl so zärtlich sein können.