Am Liebstattsonntag ging’s nicht immer bloß um Lebkuchenherzen

[95] OÖN 28. Februar 2013

Verglichen mit neuen Bräuchen wirkt der Gmundner Liebstattsonntag geradezu „uralt“. Ist er aber nicht.
Der Passauer Bischof Leopold Wilhelm, jüngster Sohn des Habsburger Kaisers Ferdinand II., gab der „Societas Sanctissimi Corporis Christi“ 1641 den Auftrag, in der Stadt Gmunden das religiöse Leben zu vertiefen. Als Versammlungstag wählte diese Bruderschaft den 4. Fastensonntag, an dem sie auch die Armen der Stadt zum Mahle lud. Daraus soll sich der Liebstattsonntag entwickelt haben. Bis zum 20. Jahrhundert fehlt allerdings jeder Beleg dafür.
Dennoch profitiert Gmunden davon.  Zu verdanken ist diese jährlich wiederkehrende Touristenattraktion einem 99-Jährigen:  dem 1. Salzkammergut-Gebirgstrachten-Erhaltungsverein „Traunseer“, gegründet 1904. Unter Obmann Franz Bogner entwickelten die „Traunseer“ den Liebstattsonntag in den fünfziger Jahren zum beliebten Ereignis. Nach dem gemeinsamen Kirchgang wurden Liebstattherzen aus Lebkuchen verschenkt, Herzen, mit denen man jemandem symbolisch seine „Liebe abstattet“.
Mit dem „Liebstatt-Wochenende“ stehen den „Traunseern“ einige der intensivsten Tage des Jahres bevor. Morgen, Freitag besuchen sie eine Schule, um der Jugend diesen Brauch näher zu bringen, und am Abend veranstalten sie ihre „Liebstattfeier mit Tanz“ beim Hois’n. Tanz mitten in der Fastenzeit? Sie berufen sich auf den historischen Präzedenzfall: Auch die  Versammlung im Jahre 1641 lief so volksnah ab.
Am Samstag verschenken die „Traunseer“ Herzen im Krankenhaus, in Senioren- und Pflegeheimen, und sie gestalten die Liebstattfeier für den Zivilinvalidenverband. Am Sonntag formiert sich nach der „Bauernmesse“ der Festzug mit Musikkapelle zum Rathausplatz. Den Besuchern wird zuerst das Brauchtum erklärt, dann erhalten sie die Liebstattherzen. Symbole der Ehrerbietung und Zuneigung.
Sie mögen sich fragen: Hat denn der Liebstattsonntag, wenn er schon so heißt, gar nichts mit dem Liebesleben zu tun? Doch, er galt sogar als „Heiratsmarkt“. Am 4. Fastensonntag putzten sich junge Mädchen einst besonders fein heraus, um von Burschen ins Lebzelterhaus auf einen Becher Met eingeladen zu werden. So begannen an diesem Tag Liebesverhältnisse, andere wurden aufgelöst. Es ging nicht um Lebkuchen, sondern um echte Herzen.