“Benimm di” – oder: Wie wir miteinander umgehen

[25] OÖN 5. Mai 2011

Der Maistrich, Verräter und Kuppler. So mancher Maibaum schaut, im Wind schwankend und heimlich schmunzelnd, auf einen weniger Bekannten aus der Familie unserer Maibräuche herab: den Maistrich. 
In einigen Regionen Österreichs und Deutschlands wird er mit noch mehr Spannung erwartet als die Walpurgisnacht. Denn er ist ein verräterischer Geselle, zieht er sich doch nicht zufällig von einem Haus zu einem anderen, und seien sie auch ein beträchtliches Stück entfernt. In diesen beiden Häusern wohnen Er und Sie, einander in (bisher) geheimer Liebschaft zugetan.     
Anfang Mai wird die neue Beziehung von lieben Freunden nun mit einem Kreidestrich verraten. Die begehbare Klatschspalte. Der Maistrich muss aber nicht entlarvend wirken, er kann auch helfen, zwei Schüchterne zusammenzuführen. Es kann ja vorkommen, dass beide, die offensichtlich in einander verliebt sind, zu feige sind, den ersten Schritt zu setzen. Hier dient ein nachts aufgemalter Maistrich gern als Kuppler. 

Auch das ist Volkskultur: Wie wir miteinander umgehen. Oder, mit einem unmodernen Wort, das Benehmen. Eltern, Verwandte und Nachbarschaft, das gesamte soziale Gefüge und persönliche Erfahrungen prägen die Umgangsformen der Heranwachsenden. Der Rolle als Benimmschulen verdankten die Tanzschulen jahrzehntelang ihre wirtschaftliche Existenz. Wohlbehütete, von anderen Geschlecht ansonsten hermetisch abgeschirmte Jugendliche wurden in Tanzschulen geschickt, um dort „richtiges Benehmen“ vermittelt zu bekommen – und erlagen gleichsam nebenbei auch der Faszination rhythmischen Gleichklangs zweier Körper.
Gesellschaftliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben einst bewährte Arten, die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens zu erlernen, in den Hintergrund gedrängt. Jetzt soll die Schule auch das schaffen, was im familiären Umfeld nicht gelingt. Das deutsche Bundesland Bremen hat deshalb schon vor acht Jahren das Unterrichtsfach „Umgangsformen, Benehmen, Verhalten“ (UBV) eingeführt – ein Akt gesellschaftlicher Notwehr. UBV dokumentiert das Scheitern mehrerer Elterngenerationen.
Dieser Entwicklung widmet die Akademie der Volkskultur einen Diskussionsabend der Reihe „Volkskultur hat Zukunft“ morgen in Bad Ischl: Was bewirken die raschen Änderungen unserer Umgangsformen? Viele Erwachsene ärgern sich über die Präpotenz von Jugendlichen, umgekehrt reiben sich die Jungen an der Spießbürgerlichkeit der Älteren; nur ein Problem oder auch sogar eine Chance?

TIPP: Podiums- und Publikumsdiskussion „Benimm di – ein Gespräch über den Wandel der Umgangsformen“. Podium: Prof. Wilfrid Kefer (Bad Goisern), Werner Dietrich (Tanzschule „tanz&more“ Bad Mitterndorf), Daniela Kerbl (Landjugend Wolfern), Moderator Klaus Huber. Musik: GeignDischgu (Bad Goisern). Freitag, 6. Mai, 19 Uhr, Trinkhalle Bad Ischl, Auböckplatz 5, Eintritt frei.