Der Graf und das Wurzelwerk der Hausmusik

[40] OÖN 22. Dezember 2011

Nicht alle rennen in dieser einst stillsten Zeit hektisch umher. Viele fideln und flöten daheim, Ziach und Zither haben Hochsaison, aus mancher Lade werden Noten und Texte unter den Strohsternen hervorgekramt. Denn am Heiligen Abend soll’s doch wieder so sein wie einst. Hausmusik zu Weihnachten – ein allzu romantisches Bild?
Vielleicht. Aber in unzähligen Familien auch schöne Realität. In der Hausmusik besitzen sie ein starkes Band des Zusammenhalts. Wie hat das begonnen, was wir Kultur nennen? Haben frühe Menschen zuerst gesummt (gesungen) oder sich mit Lauten artikuliert (gesprochen),  getrommelt (musiziert) oder sich rhythmisch bewegt (getanzt), mit Fingern gezählt (gerechnet) oder Linien in Felsen geritzt (gezeichnet)?
Jedenfalls liegt in diesen grundlegenden Fähigkeiten das Wurzelwerk künstlerischen Ausdrucks. Zu allen Zeiten gaben Begeisterte weiter, was Begabte entwickelt und geschaffen hatten. Nach diesem Urprinzip wurde bei uns noch Mitte des 20. Jahr- hunderts für Musikantennachwuchs gesorgt. Bis 1977 der eben zum Landeshauptmann aufgestiegene Kulturreferent Josef Ratzenböck das Landesmusikschulwerk schuf und damit die breite Professionalisierung bewirkte.
Vorher war die musikalische Ausbildung weitgehend in den Händen umtriebiger Musiker gelegen, die meisten ohne profunde Ausbildung, aber mit dem unbändigen Drang, andere für Musik zu begeistern.
Wir Kinder in Haslach an der Mühl hatten das Glück, einem ständig grantelnden Hobbyhendlzüchter mit ausgeprägter Musikalität in die Hände zu fallen: “Der Graf” – nur so wurde er genannt. Der Graf war kein Adeliger, sondern der nach dem Krieg zuagroaste Volksdeutsche Karl Graf. Er spielte ausgezeichnet Violine, unterrichtete außerdem Ziehharmonika und Zither, Klarinette und Saxophon, obwohl er diese Instrumente selbst nicht beherrschte, und veranstaltete im Kino die ersten Schülerkonzerte (Foto: “Der Graf” mit dem jungen Klaus Huber beim Konzert in Haslach 1959).
Bald war der Graf auch stellvertretender Kapellmeister der Ortsmusik, und er schlug mit todernstem Gesicht so theatralisch die Tschinellen, dass man ihn einfach bewundern musste.  Mitte der fünfziger Jahre war er mitverantwortlich für große Aufregung im Ort: Unter Uniformkappen durften lange Haare hervorquellen. Mädchen bei der Blasmusik! Unerhört! Darüber konnte man sich fast so herzhaft erregen wie ein paar Jahrzehnte später über Ministrantinnen.
Viele Gemeinden hatten so einen „Graf“, daher lebte das aktive Singen und Musizieren in den Familien, wenngleich natürlich nicht auf so hohem Niveau wie heute, von der beim Zipfer Advent begeisternden Familienmusik Steiner aus Gosau bis zum herrlichen Dumfart-Trio aus Eidenberg. Niveau und Ansprüche steigen, und mittlerweile verblüfft auch die musikalische Bandbreite g’standener Volksmusikanten. Sie erweisen sich immer häufiger als Grenzgänger, als Klassikfreaks oder Jazzer, nicht einmal Pop ist wirklich verpönt.
Das freie Musizieren lebt. Die Scheuklappenträger stehen schon auf der roten Liste vom Aussterben bedrohter Arten.