Der Biber scheut die Fastenzeit

[46] OÖN 1. März 2012 

Fastnacht, die Nacht vor dem Fasten, und das große Fressen sind schon fast vergessen. Bierliebhaber Karl trinkt jetzt nur Wasser, Juliane überlebt 40 Tage ohne Torte und Kaffee, Walter hat sich gar zum März-Vegetarier erklärt („was nicht alle fleischlichen Genüsse ausschließt“). Meine Freunde befolgen alte Fastengebote. Hungern fördere den Glauben, war die Kirche einst überzeugt, weshalb ihre Würdenträger stets vorbildhaft asketisch lebten, Wein und Weib entsagten und nie mit Leibesfülle protzten.
Karl & Co. sind leider nicht so standhaft, weshalb sie sich nun einzuschränken haben, sei es aus religiösen oder auch nur aus praktischen Gründen, damit etwa der Gürtel nicht mehr zwickt und das Lieblingskleid bald wieder passt.
So kehren nun manche freiwillig „von den Herrenspeisen zu den Bauernspeisen“ zurück, wie es der Speiseordnung einer mittelalterlichen, ständisch gegliederten Gesellschaft entsprach, schreibt die Schweizer Mittelalterforscherin Heidy Greco-Kaufmann (Zürich 2001), ein Überschreiten der Standesgrenzen galt als Verstoß und Sakrileg. Deshalb ermahnt der Bauer seinen hochmütigen Sohn in der Verserzählung „Meier Helmbrecht“ aus dem 13. Jahrhundert, sich mit Haferbrei zu begnügen und nicht nach „herrenspîsen“ zu trachten. Und in einem Bericht über die Bauern der Reformationszeit lesen wir: „Ihre Speiß ist hart trucken Brot, Haberbrei oder gekocht Erbsen und Linsen.“ Fleisch war der Oberschicht vorbehalten, wie ein Wilderer anspornender Spruch belegt: „Wer die Macht hat, hat das Fleisch.“
Und wer Fleisch hat, soll jetzt 40 Tage lang darauf verzichten? Das ist gefährlich, besonders für die Fische. Strenge Fastenregeln verbieten nämlich nur das Fleisch warmblütiger Tiere. Doch „Fisch ist kein Fleisch“, dozierte meine an die Tante Jolesch erinnernde Oma, im Jahre 1900 als Dienstmadl von Brünn nach Wien gekommen, „denn wennst an Fisch aufschneidst, dann siehgst, der blutet nicht“. Bauernschlaue Volkskultur…
So g’scheit und spitzfindig wie heutige Steuerschlupflochkünstler waren darbende Gläubige schon lange. Entdeckten sie einen angenagten Baum am Flussufer, wussten sie, wo ein nahrhafter und wohl schmeckender Fastenspeisenlieferant wohnte. Auch deshalb wurde der Biber bei uns fast ganz ausgerottet.
Als Warmblüter könnte er sich zwar auf päpstlich verordnete Schonzeit berufen, andererseits lebt er im Wasser und hat einen schuppig ausschauenden Schwanz – typisch Fisch, auf den Fastenteller mit ihm!
Wenn Sie versprechen, unsere wenigen Biber weiterleben zu lassen, verrate ich Ihnen ein Rezept aus dem fast 200 Jahre alten “Linzer Kochbuch” von Maria Elisabeth Meixner.

Biber in einer Soß: Nimm einen Biberschlegel, laß ihn mit Wein, Essig, Kräutern, Lorbeerblättern, Gewürz, Limonieschälerln und Salz schön weich dünsten, röste drey oder vier Löffel voll geriebenes schwarzes Brot im Butter, gib auch einen Löffel Mehl dazu, laß es schön bräunlich werden, rühre es mit dem Sud schön klar ab, siede es gut, gib den Schlegel auf eine Schüssel, und seihe die Soß durch ein Sieb darüber.”

In Schicksalsgemeinschaft mit dem Biber waren auch Fischotter von christlichem Hunger bedroht, und Frösche sowieso. Mein März-Vegetarier spürt da weder Neid noch Gusto. Frösche isst er nicht einmal im Fasching.