Der Fotzhobel im Hosensack

[8] OÖN 2. September 2010
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Solche Karrieren hätte der Zither und der Mundharmonika niemand zugetraut. Diesen Traditionsinstrumenten ohne Hitparadenambition verdankt die Filmgeschichte zwei ihrer berühmtesten musikalischen Themen: Die alpenländische Zither wurde mit Anton Karas’ Harry-Lime-Thema aus „Der dritte Mann“ (1949) weltbekannt, der eindringliche Klang der Mundharmonika prägte Sergio Leones Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968). Kein anderes Instrument hätte Ennio Morricones Komposition so schaurig wirken lassen wie die Mundharmonika des italienischen Virtuosen Franco de Gemini.  Ein Hosensackinstrument.

Dieser lustige Ausdruck hat sich als Oberbegriff für kleine Instrumente eingebürgert, die man „im Hosensack“ mittragen und jederzeit spontan spielen kann: Maultrommel, Okarina, Schwegelpfeife, Mundharmonika.

Sie alle waren früher beliebt und weit verbreitet, drohten dann jedoch in Vergessenheit zu geraten. Bis in den neunziger Jahren ein neuer Volksmusik-Aufschwung einsetzte, in Oberösterreich begünstigt durch breit angelegte Jugendarbeit im Landesmusikschulwerk, schließlich auch durch neue Radio- und Fernsehformate. Manche Volksmusikanten sprechen es offen aus: Sie hatten ursprünglich anderes im Sinn. Trotz hervorragender Ausbildung in Musikschulen und Konservatorien wurde es jedoch immer schwieriger, Orchester-Anstellungen zu ergattern. Allzu viele Konkurrenten ritterten sich um freie Posten. Da bot sich die Volksmusik als Ausweg an: zwar kein Brotberuf, aber eine schöne Möglichkeit, der Leidenschaft Musik zu frönen.

Von dieser Entwicklung profitierten auch „unmoderne“ Instrumente. Leidenschaftliche Musikanten entwickelten sich zu Spezialisten, sorgten für die Renaissance der alten Volksinstrumente. Ein paar Beispiele: Zither-Virtuose Wilfried Scharf bildet als erster Zither-Universitätsprofessor hervorragenden Nachwuchs aus, Rudi Lughofer erweckte den einst auch bei uns weit verbreiteten Dudelsack zu neuem Leben, Franz Lachersdorfer kurbelt wieder an der Drehleier, Volker Derschmidt nahm sich um die kleine Tanzmeistergeige und um Schwegelpfeifen an, Manfred Rußmann brachte es mit der Maultrommel zu ungeahnter Meisterschaft.

Um die Mundharmonika kümmerte sich ein Hüttenwirt. Erst vor 180 Jahren erfunden, erklomm diese enge Verwandte der Ziehharmonika – beide erzeugen den Ton mit einer frei schwingenden, durchschlagenden Zunge – im 20. Jahrhundert den Gipfel ihrer Popularität. Und stürzte wieder ab. Das missfiel Karl Reininger, Mitterecker-Hüttenwirt beim Aufstieg von Ebensee zum Hochkogel im Toten Gebirge: „Man hört koa Mundharmonika mehr – da hört si alls auf!“ Reininger begründete den Mundharmonikaspieler-Tag, dessen 26. Auflage am kommenden Sonntag, 5. September um 10 Uhr im „Landgasthof in der Kreh“ in Ebensee beginnt. „Und dauern wird er, solang jemand spielen will“, sagt Veranstalter Peter Steinkogler, Obmann des Verbandes der Heimat- und Trachtenvereine Salzkammergut. „Beim Fotzhoblertag dürfen sie spielen, was sie wollen, Volksmusik oder Country, Blues, Swing, Schlager – alles, was ihnen Freude macht“. Ohne musikalische Berührungsängste. „Das Lied vom Tod“ wird wohl auch dabei sein.