Der schöne Saitensprung und die hohe Schule der leisen Töne

[101] OÖN 11. April 2013

Kann Musik zu schön sein? Die Frage klingt absurd und birgt dennoch  Konfliktpotential. Ja, „man“ kann darüber streiten. Junge Volksmusikanten mit abgeschlossenem Musikstudium spielen manchen „zu akademisch“. Viele seien nur technisch perfekt, ließen aber „den Zwick“ vermissen, die völlige Hingabe ans frische Musizieren, ohne musiktheoretische Blockade im Kopf.
Als Alexander Maurer, Harmonika-Dozent an der Anton-Bruckner-Universität, mit seinen Ensembles Saitensprung und Xandlmusi dem „Musik der Völker“-Publikum im Brucknerhaus am Dienstag eine Sternstunde schenkte, tauchte diese Frage wieder auf: Die spielen so perfekt – ist das noch Volksmusik? So haben Volksmusikanten früher nie gespielt…
Das stimmt, und wir kennen auch den Grund: Weil sie’s nicht konnten.

Die Kritik „zu schön“ entlockt Alexander Maurer ein Lächeln: „Beste Qualität zu bieten, lautet unser Anspruch. Wir wollen das Publikum berühren und überzeugen, so brauchen wir uns auch vor den Klassikern nicht zu verstecken.“  Die Volksmusik  hat an Selbstbewusstsein gewonnen, hohes Niveau berechtigt sie dazu, im Ensemblespiel wie im Solistischen. Enorme Spannkraft im Musizieren und kunstvoller Vortrag reißen das Publikum mit – und lassen es den Atem anhalten, gebannt ob der hohen Schule der leisen Töne, stets ohne Verstärker und deshalb „ungeplagt“. Gibt es Schöneres als einen solchen Saitensprung?

Ja, Volksmusik „darf“ perfekt sein. Weiterhin gilt jedoch, wie zu allen Zeiten: Natürlich soll auch jemand Geige spielen, der mit dem Bogen, weil er schließlich so heißt, bogenförmig über die Saiten kurvt und deshalb rückgratkrümmende Töne produziert. Wenn er es mit Freude tut, wird es akzeptiert. Der Volksmusik kann jedoch nichts Besseres passieren als die neue Zuwendung großer Könner. Früher hätten sich Spitzenmusiker nicht in die „Niederungen“ der Volksmusik herabgelassen. Bei uns. Das Gegenteil haben wir bei TV-Dreharbeiten für eine Dokumentation über böhmische Musik in Pilsen erlebt. Plötzlich erkrankte der erste Geiger der Gruppe Usmev („Das Lächeln“). Drehleierspieler und Radio-Pilsen-Redakteur Zdenek Blaha rief einen Geiger der Tschechischen Philharmonie Prag an. Am nächsten Tag steckte der Philharmoniker als Volksmusik-Substitut in einer südböhmischen Tracht und fiedelte mit. Er spielte hinreißend schön.