Deutschsprachige Kultur in Siebenbürgen stirbt

Nach 68 Jahren findet die Linzerin Sofia Schuster wieder “heim”

[61] OÖN 28. Juni 2012 

Das Leben hat die deutschsprachigen Minderheiten im Osten des Habsburger-Reiches nicht verwöhnt. „Wirst frei von der Not, kommt der Tod“,  lautete eines ihrer Sprichwörter, denn ein Leben ohne Not schien oft unvorstellbar. Was damals auf das persönliche Schicksal gemünzt war, gilt in unserer Zeit für die ganze deutschsprachige Kultur in den einstigen Kronländern. Sie stirbt.

Lokalaugenschein in Rumänien 22 Jahre nach Ceausescu, 5 Jahre nach dem EU-Beitritt. Ein Staat im Aufschwung. In schönen Städten pulsiert das moderne Leben, Theater und Hotels bieten internationalen Standard, Rumänien lässt sich auf makellosen Hauptstraßen bereisen. Selbst die östlichste Region jenseits der Karpaten, die Bukowina, verblüfft mit  Verkehrswegen auf westeuropäischem Niveau. Sprachbefund: Nur rumänisch. Deutsch wird im ehemaligen Buchenland schon lange nicht mehr gesprochen.

Das steht auch Siebenbürgen bevor. Ab 1699 gehörte es zum Habsburgerreich. Jetzt sind in den Dörfern der Landler und „Siebenbürger Sachsen“ nur noch Alte zurück geblieben, die sich nicht entwurzeln lassen, obwohl die Verwandten bereits in Österreich oder Deutschland leben. Typisches Beispiel: Die evangelische Gemeinde von Neppendorf (Turnișor) ist von 4000 auf 100 Mitglieder geschrumpft, erzählt Pfarramtsleiterin Renate Köber, „in die Kirche kommen aber nur noch 12 bis 15, wenn’s gut geht“. Das Ablaufdatum steht bevor.

In der Nähe tost der internationale Schwerverkehr vorbei, eine Hauptroute von Österreich in die Türkei führt durch Engstellen im Landlerdorf Großpold (Apoldu de Sus). Direkt daneben entsteht eine Autobahn, die Schneise durchschneidet Gründe, wo noch vor 20 Jahren die Landler ihre Ernte einbrachten.

Unsere Spurensuche bringt einen emotionalen Höhepunkt. In Kallesdorf (Arcalia), von wo „die Deutschen“ vor der heranrückenden Roten Armee geflüchtet sind, leben seit langem nur vom Ceausescu-Regime angesiedelte Roma-Familien. Dort sucht eine Linzerin nach ihren Wurzeln.
September 1944: Sofia Schuster geht seit zwei Tagen in die 1. Klasse Volksschule, als ihre Familie plötzlich flüchten muss, Vater und Großeltern mit einem Pferdefuhrwerk, Mutter und die kleine Sofia mit der Eisenbahn. Zwei Monate später finden sie in Oberösterreich wieder glücklich zusammen.

Juni 2012: Nach 68 Jahren kehrt Sofia Schuster erstmals zurück. Mit einem gezeichneten Ortsplan in der Hand geht sie die Wege ihrer Kindheit, sucht und findet den Platz, wo das später abgebrannte Haus der Familie gestanden war. Und sie erkennt das Schulhaus wieder, manche Bilder haben sich eben für immer eingebrannt. Die Reise in die eigene Vergangenheit hat zum Ziel geführt.       Fotos: Klaus Huber