Die Eifersucht der Gralshüter

[31] OÖN 11. August 2011

Wir streiten es zwar meistens ab. Leider ist es aber nicht ganz falsch, wenn uns jemand vorhält, wir lebten inmitten einer rosa Seifenblase und ließen uns eine heile Welt vorgaukeln. Die Träger der Volkskultur sehen sich allzu gerne als Hüter des Guten und Bewahrer des Wertvollen. Manche leiten daraus ein erstaunliches Selbstbewusstsein ab, gepaart mit dem überheblichen Urteil, alle neuen Ausdrucksformen der Jugendkultur seien Vorboten unaufhaltsamen Kulturverfalls.

Dabei saßen die heutigen Gralshüter des Wahren und Schönen vor vierzig, fünfzig Jahren zwar nicht im selben Boot, aber in einem ähnlich verruchten Kahn: Wer die Beatles liebte, erntete zumindest Kopfschütteln, wer den härteren Beat der Rolling Stones bevorzugte, war verdächtig, und mit der Kombination aus Flower Power, Pille und Wehrdienstverweigerung begann bekanntlich der Untergang des Abendlandes… „Das war doch etwas ganz anderes“, höre ich sie sagen, während sie sich innerlich grollend in die geschlossene Kapsel der Vereinsarbeit mit Gleichgesinnten und Gleichaltrigen zurückziehen. Ihre häufige Klage, der traditionellen Volkskultur werde wesentlich weniger öffentliche Aufmerksamkeit zuteil als allem Neuen und Auffälligen, gleicht einem Kampf gegen Windmühlen.

Statt sich sinnlos mit den Aufstrebenden zu messen, die jede Zeit dringend braucht, könnte man sich doch – aus Einsicht oder wenigstens Altersweisheit statt Resignation – gemeinsam auf die eigenen Stärken konzentrieren. Wenn die Qualität stimmt, fehlt zum Erfolg nur noch die „richtige“ Öffentlichkeitsarbeit. Das Ziel sollte nicht sein, eine möglichst große Besuchermasse anzulocken; wesentlich ist, die Interessierten anzusprechen, das Zielpublikum rechtzeitig zu informieren und nie zu enttäuschen.  

Der nur ansatzweise heilen Volkskulturwelt setzt freilich mehr zu als Fehleinschätzung und innere Emigration. Sie strotzt vor Eifersüchteleien. Man hält zwar zusammen, wenn’s drauf ankommt, wie immer, wenn Menschen sich gemeinsam zu wehren haben. Doch im Alltag schaffen die kleinen Einzelinteressen jenen Nährboden, aus dem Neid und Missgunst erwachsen: Wer wird geehrt, wer rückt in den Vereinsvorstand nach, wer wurde bei einer Veranstaltung übersehen, wer darf öffentliches Lob einheimsen, wessen Projekt wird in den Medien ausführlicher beworben, wer erhält die besseren Kritiken…? Und besonders heiß umstritten: Wer erhält von der Landesregierung den Konsulententitel früher verliehen als die „Konkurrenz“ im eigenen Verband?

Menschliche Schwächen, eigentlich mit verständnisvollem Lächeln zu ertragen. Doch zu ihnen gesellt sich leider manchmal Frust, der in Angriffslust umschlägt. Dann beklagt ein selbst ernannter Künstler, dessen Werke zu wenig gefragt sind, er sei ein Mobbingopfer. Kann Erfolglosigkeit denn keine anderen Gründe haben?