Die griechische Krise und die Volkskultur

[2] OÖN 10. Juni 2010

Cuộc khủng hoảng nennt sie der Vietnamese, Válság sagt mein ungarischer Musikerfreund, und in Japan schaut sie so kompliziert aus, wie sie zu bewältigen ist:
危機.

Alle meinen damit, was in vielen europäischen Sprachen fast gleich genannt wird: crisis (engl., span., niederländ., russ.), kryzys (poln.), crisi (ital., katalan., maltes.), kris (schwed.), kriz (türk.), kriis (estn.), kriza (kroat., serb., ukrain.), krize (tschech.), crise (franz., port.), Krise (deutsch und albanisch).

Das Wort kommt aus dem Griechischen. (Typisch, ist man heuer geneigt zu seufzen.) Und was hat die griechische κρίσις mit unserer Volkskultur zu tun? Sehr viel. Denn sie setzt allen zu. Volkskultur-Verbände sind zwar finanziell nicht verwöhnt und können daher auch magere Zeiten überstehen. Doch die Fixkosten steigen und das hohe Veranstaltungsniveau muss gehalten werden.

Da können noch so viele Funktionäre ehrenamtlich arbeiten und mit Privatautos fahren, ohne dafür das amtliche Kilometergeld zu erhalten. Die Einnahmen sinken. Firmen sparen bei Inseraten in Kulturzeitschriften. Vieles muss daher mit geringerem Aufwand geplant werden, mit weniger Mitwirkenden, oft zu Niedrigsthonoraren.

Denn fest steht: Das Land OÖ wird die Förderungen kürzen. Nicht in allen Fällen zum gleichen Prozentsatz, heißt es inoffiziell; jeder Antragsteller werde seinen Finanzbedarf besonders gut zu begründen haben. Jedenfalls wird weniger Geld fließen – und es wird später überwiesen.
Wie stark ihre Budgets schrumpfen werden, wissen die Volkskulturverbände noch nicht. Das berät jetzt der Kulturreferent der Landesregierung mit dem Finanzreferenten, und beiden schaut der Landeshauptmann beim Rechnen über die Schulter. Was werden sie aushecken, die drei, die alle Pühringer heißen?

Was immer dabei herauskommt: Wenn alle den Gürtel enger schnallen müssen, werden jene am besten aussteigen, die an die Wurzel des Wortes denken und danach handeln. Das griechische „krísis“ bedeutet Entscheidung oder entscheidende Wendung.
Darin steckt die Chance. Wer jetzt umso mehr Einsatz zeigt, wird sich durchsetzen. In einer „krísis“ entscheidet sich auch die Zukunft von Kulturvereinen. Wer jetzt nur still abwartet, wird die Aktiveren auf der Überholspur davonziehen sehen.
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Besonders aufwändig trotzt dieses Wochenende der Stelzhamerbund jeglicher Krisenstimmung: Zu seinem internationalen Dichtertreffen „mundART 2010“ haben sich Dutzende Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Südtirol und den österreichischen Bundesländern angesagt. Die unterschiedlichen Klangfarben der Mundart erlebt das Publikum bei freiem Eintritt: Dichterlesungen am Freitag, 19.30 Uhr, und Podiumsdiskussion „Mundart über die Grenzen“ (u.a. mit Friedrich Ch. Zauner) am Samstag, 10 Uhr, jeweils im Festsaal der Direktion Kultur, Promenade 37. Feierlicher Höhepunkt wird die Mundartmesse am Sonntag, 9 Uhr in der Pöstlingberg-Basilika.   

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Der „krísis“ hat der vielseitige oö. Autor Nikolaus Mora ein Gedicht mit interessanter, mehrfacher Reimstruktur gewidmet:

Behauptet doch nicht, diese wahrhaft fiese Wirtschaftskrise
brächte uns nur Unheil! Bliese schon die steife Brise
echten Aufschwungs, hieße es doch gleich, der Riese
namens Bank verstieße gegen keine Regel, ließe
er die Zinsmarkise wieder heben und verhieße
allen eine Wohlstandsprise. „Nix dazuaglernt!“ stieße
laut hervor Professor Giese, „Aufschwung wächst nicht auf der Wiese!“
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Anmerkung zu dieser OÖN-Kolumne: Nikolaus Mora hätte sein Krisengedicht lieber in seiner Original-”Zeilenbrechung” gesehen, wie er den Zeilensprung nennt. Er erklärte sich aber einverstanden, sich praktischen Erfordernissen der Zeitung zu beugen. Für die Originalversion wäre einfach zu wenig Platz gewesen. Hier ist sie:

Behauptet doch nicht, diese
wahrhaft fiese
Wirtschaftskrise
brächte uns nur Unheil! Bliese
schon die steife Brise
echten Aufschwungs, hieße
es doch gleich, der Riese
namens Bank verstieße
gegen keine Regel, ließe
er die Zinsmarkise
wieder heben und verhieße
allen eine Wohlstandsprise.
„Nix dazuaglernt!“ stieße
laut hervor Professor Giese,
„Aufschwung wächst nicht auf der Wiese!“