Die Magie der Volksmusik

[18] OÖN 27. Jänner 2011

Es ereignete sich im Rumänien der neunziger Jahre.  Dort durfte ich staunend miterleben, wie Volksmusikanten angespannte Situationen entschärfen können, indem sie einfach zu spielen beginnen.

Zum zweiten Mal besuchte ich die Stadt Oberwischau (Viseu de Sus) in den Karpaten, da ich auf einer früheren Reise den katholischen Pfarrer von Baia Mare, Toni Ilk*, kennen und schätzen gelernt hatte. Er stammt aus Oberwischau, wo noch immer Nachfahren im 18. Jahrhundert ausgewanderter (nicht vertriebener) Oberösterreicher leben. Diese Reise begleiteten drei Mann der Kremsmünsterer Bock- und Leiermusik, Dudelsackspieler Rudi Lughofer, Geiger Volker Derschmidt und Klarinettist Hans Theiß, in ihrem klapprigen gelben VW-Bus.

Einen sonnigen Tag nutzten wir zur Fahrt mit der Wassertalbahn, einer Schmalspurbahn mit offenen Waggons, die vor allem Waldarbeiter tief ins Gebirge hinein bis fast an die ukrainische Grenze bringt. Etwa auf halber Strecke begann unser Waggon plötzlich zu hüpfen, er neigte sich bedrohlich zur Seite, rumpelnd und quietschend kam die Wassertalbahn ruckartig zum Stehen. Entgleist, beinahe umgekippt. Was nun? Pfarrer Ilk beruhigte die verschreckten Fahrgäste: „Die Arbeiter werden den Zug rasch wieder flott machen. Dafür werden nämlich immer dicke Holzlatten mitgeführt, mit denen sie die Waggons aufs Gleis zurückwuchten.“

Diesmal kam es anders. Vom allgemeinen Aufruhr unbeeindruckt, setzte sich nämlich Rudi Lughofer neben dem Zug ins Gras, montierte einen Schellenkranz als Rhythmusinstrument um ein Fußgelenk, schraubte seinen Dudelsack zusammen und begann aus Leibeskräften zu musizieren. Als Kenner osteuropäischer Musik spielte er in Rumänien beliebte Melodien und bald wurde auf der Wiese getanzt, geklatscht, gesungen, nur der mitreisende Pope las schweigend in seinem Brevier. Daneben lehnte unbeachtet der Zug. Erst als der Dudelsack verstummte und die Magie der alten Melodien schwand, widmeten sich die Arbeiter wieder ihrer Bahn und befreiten sie mühsam aus der Schräglage.

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Als hilfreich erwies sich spontanes Musizieren auch bei der Ausreise aus Rumänien. Die Grenzbeamten verlangten eine amtliche Bestätigung, dass die Kremsmünsterer  ihre Instrumente schon bei der Einreise dabei gehabt und nicht in Rumänien erworben hatten. „So was hamma net“ taugte nicht als Argument. Auch der Hinweis, solche Instrumente bekäme man in Rumänien doch gar nicht zu kaufen, verhallte nutzlos. Ausfuhrzoll bezahlen! Da half nur eines: „Packt’s aus!“ befahl Rudi Lughofer seinen Musikanten, und sie bliesen und fidelten beim Grenzbalken, bis sie ausreisen durften. Mit einem Liter Schnaps im Gepäck, einem Geschenk der Beamten zum Dank für das Ständchen.

*) Toni Ilk verließ Rumänien kurz darauf, vertraute sich Bischof Maximilian Aichern an, blieb in Oberösterreich, dem Land seiner Vorfahren, und studierte Volkskunde an der Universität Wien. Seit 1998 ist Mag. Dr. Anton-Joseph Ilk Pfarrer von Alkoven im Bezirk Eferding.
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