Die steinernen Totenbücher von Traunkirchen

[12] OÖN 28. Oktober 2010
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Ende Oktober rüstet sich die gelebte Volkskultur für intensive Tage. Neuerdings lagern auch viele österreichische Familien Süßigkeiten ein, um gerüstet zu sein für Gaben heischende Kinder am Abend des 31. Oktober (englisch „All Hallows’ Even“ = Hallowe’en / Halloween = Allerheiligenabend). Viele ärgern sich über diesen harmlosen irischen Brauch, den Auswanderer in Amerika einführten. Doch Halloween wird Allerheiligen nie gefährden können. Denn dieser Gedenktag am 1. November, eigentlich den christlichen Heiligen gewidmet, hat sich zum Termin für Totengedenken und Gräberbesuch gewandelt. Zu diesem Anlass werden, überliefertem Brauchtum entsprechend, „Gebildbrote“ gebacken und verschenkt. Denn nach altem Volksglauben durften die „armen Seelen“ um diese Zeit aus dem Fegefeuer zur Erde aufsteigen und sich von ihren Qualen erholen. An ihrer Stelle beschenkte man mittellose Menschen und Kinder mit Allerheiligenstriezeln, „Himmelsleitern“ (im Raum Kirchdorf) oder „Seelwecken“.
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„Bitt schön um an Allerheilingstriezel, aber an weißen,
weil an schwarzen kann i net beißen,
an langen, weil an kurzn kann i net daglangan.“

„Vergelt’s Gott für die armen Seelen.“
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Das scheinbare Absterben der Natur um diese Jahreszeit symbolisiert den Kreislauf des Lebens, lässt Gedanken an den eigenen Tod aufkommen, fördert so die Entwicklung von Gedenk- und Schutzbräuchen.

Auch dabei hebt sich das Salzkammergut ab. Der Tod kommt nicht als Fremder, den man fürchtet – Gnade einer besonderen Mentalität. Als typisch erwies sich die Aussage eines Traunkirchners für meine filmische Dokumentation über Totengedenken im Salzkammergut: „Ich habe meine Lebensmitte überschritten und meine Zustimmung zum Tod gegeben. Er wird nicht überraschend kommen, ich lebe mit ihm.“

Selbst im Tod waren einst nicht alle gleich. Protestanten durften lange nicht auf katholischen Friedhöfen begraben werden. An unzugänglichen Felswänden hoch über Traunkirchen entstanden deshalb „steinerne Totenbücher“: Nur die Anfangsbuchstaben der Namen wurden in den Fels geritzt, um an die Verstorbenen zu erinnern. Wenige Generationen später waren diese Inschriften vergessen, bis sie im 20. Jahrhundert zu „prähistorischen Felszeichnungen“ mutierten. Diese „sensationelle Entdeckung“ wurde als blamable Fehleinschätzung enttarnt:  Die eingeritzten Buchstaben und Symbole sind wenige hundert Jahre alt. Die Felswand ist ein riesiger Grabstein, berührende Pilgerstätte für wenige Eingeweihte, ein Platz zum Innehalten.

Ein Mann, den sein Berufsleben um die Welt geführt hatte, zog im Herbst seines Lebens nach Traunkirchen. Botschafter a.D. Dr. Christoph Cornaro beeindruckt der Umgang seiner Nachbarn mit dem Tod: „Wenn jemand gestorben ist, kommen die Menschen noch am selben Tag fürs Totengedenken zusammen – das habe ich sonst nirgends erlebt. Wo nimmt man noch so großen Anteil am Tod der Mitbewohner? Hier ist das ganz selbstverständlich.“  Eine Kultur des Mitgefühls.

Das Miteinander im Totengedenken ruht auf dem Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit. Das Sterben anderer mahnt zur Besinnung. Am Traunsee, der ungezählte Menschen behalten hat, erinnern Inschriften an viele Schicksale, etwa beim sogenannten „Wechselkreuz“. Dort wurden einst die ermüdeten Rudermannschaften gewechselt, die „Ebenseer Kübel“ genannte Zillen zwischen Ebensee und Traunkirchen beförderten. 1680 wurde eine Plätte „von einem heftigen Sturmwind überfallen. Ihr mit Fässern beladenes Fahrzeug stürzte und alle fanden in den tobenden Wellen ihr Grab“.

Nicht zu vergessen ist Anliegen unserer Volkskultur. Wir gedenken aller Heiligen, auch jener, die nicht offiziell heiliggesprochen wurden.