Die verschobenen Jahreszeiten

[30] OÖN 28. Juli 2011

„Denen geht’s wie uns“, schmunzelte ein Volkskultur-Funktionär, als die OÖN über „Hochbetrieb in der Nebensaison“ in der Rieder Skifabrik berichteten. Zwar gönnen sich die Kulturschaffenden durchaus etwas mehr Freizeit als einen zweiwöchigen Betriebsurlaub, doch auch für sie gilt, wie für Modeschöpfer, das Prinzip der antizyklischen Beschäftigung: Wie sie sich im Advent für den Fasching und im Fasching für die Fastenzeit vorbereiten, so erarbeiten sie jetzt all das, womit sie im Advent das gesellschaftliche Leben bereichern. Für sie steht diese Hochphase der Volkskultur bereits vor der Tür. Da die Hundstage mit ihrer Schweinehitze heuer offenbar ausfallen, ist es zum Glück nicht ganz so schwierig, sich gedanklich in den Herbst zu versetzen.

So manche Goldhaubenfrau strickt im Hochsommer warme Socken und Fäustlinge, die sie dann, wenn es noch viel kälter sein wird als in diesem Juli, auf einem Standlmarkt verkauft, um den Erlös für wohltätige Zwecke zu spenden.
Der Naturfotograf sortiert und bearbeitet jetzt seinen riesigen Schatz an winterlichen Stimmungsbildern. Denn Ende November muss die seit langem geplante Präsentation vor den Augen eines kritischen Publikums bestehen.
Ein Autor zieht sich zurück, versinkt gedanklich im Advent und schreibt im Sommerurlaub ein Hirtenspiel. Es handelt sich um eine Auftragsarbeit, würde man im bezahlten Kulturbetrieb sagen. In der ehrenamtlichen Volkskultur erfüllt er schlicht die Bitte eines Freundes, der seine Textideen schätzt und diese in szenischer Darstellung umsetzen wird.
Eine Volksmusikgruppe, die zu einer stimmungsvollen Abendveranstaltung im Dezember eingeladen wurde, probt und arrangiert neue Stücke, die dem Gitarristen „Ende Juni, als es noch warm war“ eingefallen sind: „Ich bin im Garten gesessen, hab beim Sommerg’spritzten allein gespielt, improvisiert, und auf einmal sind mir Melodien zugeflogen, stad und hoamlig, ideal für den Advent.“ 

Dem ungewöhnlichsten Sommerprojekt hat sich heuer Joschi Anzinger verschrieben. Der sprachgewaltige Mundartdichter arbeitet an einem Theaterstück mit dem Arbeitstitel „Hiaddn“. Für die Linzer Perchtengruppe um den Maskenschnitzer Klaus Anderwald schreibt er ein Krampusspiel. Darin personalisiert er die sieben Todsünden, deren Verführungskünsten der Mensch zu widerstehen hat.  So erklärt sich der Titel „Hiaddn“ im Sinne von „sich hüten“ vor Versuchungen. „Eigentlich habe ich mir also wieder einen faustischen Stoff ausgesucht“, sagt Anzinger, der gleichzeitig mit der Ideensammlung für sein nächstes großes Werk begonnen hat. Ermutigt durch den Erfolg seiner Übertragung von Goethes Faust in Mühlviertler Mundart („GRANIDD fausdd“), bereitet er Faust 2 in seiner urigen Muttersprache vor. Erste Textbausteine häufen sich bereits in seiner Zettelwirtschaft oder, wie er gerne sagt, „auf meinem literarischen Komposthaufen“.