Die Zeit zwischen den Jahren

[16] OÖN 23. Dezember 2010

Die Wintersonnenwende und damit die erste Raunacht haben wir überstanden, das täglich „um einen Hahnenschrei“ länger scheinende Tageslicht beleuchte den Hintergrund dieses Volksglaubens.
„Thomasnacht“ wird die erste Raunacht genannt, denn die längste, finsterste Nacht galt als Symbol für die biblisch überlieferten Zweifel des Apostels. Wenn auch die Katholische Kirche den Namenstag des Heiligen Thomas im Zuge der Liturgiereform 1970 vom 21. Dezember auf den 3. Juli verlegte – Brauchtum lässt sich nicht per Verordnung ändern. Diese Nacht hatte seit Jahrhunderten mystische Bedeutung. In „Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich“ schrieb vor 150 Jahren der Volkskundler Theodor Vernaleken:  

Will jemand wissen, wen er heiraten werde, so muß er am Thomasabend vor dem schlafengehen den Bettstaffel treten. Dieß besteht darin, dass man den untersten Theil des Bettes mit dem linken Fuße dreimal tritt, und dabei jedes Mal folgende Worte spricht: 

Bettstaffel ich trit’ dich,
heiliger Thomas ich bit’ dich,
lass’ mir erscheinen
den allerliebsten meinen.  

Nachdem dieses dreimal gesprochen, muß man sich umgekehrt in das Bett legen, also dass der Kopf dahin zu liegen kommt, wo gewöhnlich die Füße liegen; auch darf man nicht auf der gewöhnlichen Seite in das Bett steigen, oder nach dem Bettstaffeltreten noch Anordnungen für den nächsten Tag machen und dergleichen, sondern man muß gleich unmittelbar nach demselben über den Bettstaffel in das Bett steigen. Man glaubt, dass dann im Traum die erwünschte Person erscheinen werde. 

Thomasnacht und Neujahrsnacht sind „dürre“ oder „magere“ Raunächte, Christnacht (24./25. Dezember) und Epiphaniasnacht (5./6. Jänner) dagegen „foaste“, alle vier mit besonderer Bedeutung. Zukunftsangst und Hoffnung bestimmten die bedrohliche „Zeit zwischen den Jahren“, auch „die Zwölften“ genannt, die zwölf Nächte zwischen vertrauter Vergangenheit und unsicherer Zukunft. Dieser Berechnung lag der Julianische Kalender zugrunde, der die Wintersonnenwende am 13. Dezember ansetzte, also zwölf Nächte vor dem Geburtsfest Christi. Später sah man die magischen Nächte zwischen Christtag und „Erscheinung des Herrn“ (Epiphanie am 6. Jänner). Wieder waren es zwölf.

In dieser „heiligen Zeit“ herrschten bewusst geschürte Ängste. Unartigen Kindern wurde angedroht, eine dunkle Gestalt werde sie in einen großen Sack stecken und mitnehmen. Gläubige wurden vor übernatürlichen Kräften gewarnt, Dämonen schwirrten durch die Lüfte und würden „schlechten“ Menschen schaden, besonders in den Raunächten. Eine mögliche Wurzel der Bezeichnung „Raunacht“ ist ja das althochdeutsche Wort „ruh“ oder „rouh“ (rau, wild, behaart). Es beschreibt die gefürchtete „Wilde Jagd“ der Geister. Da die Menschen sich dagegen mit Lärm, Feuer und Rauch zu schützen versuchten (heute Silvesterfeuerwerk), ist aber auch die Deutung „Rauchnacht“ plausibel. Das ganze Haus wird mit Weihrauch „geräuchert“, um das Böse fernzuhalten.

Am Heiligen Abend naht die nächste Raunacht. Für sie gilt von alters her die Warnung: Um Mitternacht sollten sich Menschen keinesfalls im Stall aufhalten! Denn ab dem Zwölfeschlagen reden die Tiere in menschlicher Sprache über die Zukunft. Wer ihnen dabei zuhört, wird das nächste Jahr nicht überleben…