Ein Plädoyer für Singschulen

[19] OÖN 10. Februar 2011

Dem oö. Landesmusikschulwerk gelingt die hervorragende Ausbildung unzähliger Instrumentalmusiker. Am meisten profitierten davon die Blaskapellen, deren Qualität auf einst unvorstellbares Niveau gestiegen ist. Früher spielte bei der Blasmusik, wer halt gerne mitmachte. Heute haben Autodidakt und Probenschwänzer keine Chance mehr, sie werden im wahrsten Sinn des Wortes von den Jungen verblasen, von Amateuren auf Profi-Niveau.
Kapellmeister können aus dem Vollen schöpfen – und werden von Chorleitern beneidet. Denn für die meisten Chöre gilt heute noch: Wer’s gerne tut, ist willkommen. Auch wer keine Quart oder Quint auf Anhieb trifft, nicht Noten lesen oder eine zweite Stimme halten kann. Wie formt man aus ihnen ein wohlklingendes Ensemble? Wir bewundern alle Chorleiter, die es trotzdem schaffen.

Profibläser und Amateursänger – woher diese Diskrepanz? Was läuft da schief im Musikland Oberösterreich? Das Dilemma beginnt daheim. Wir singen immer seltener, Kinder erleben Gesang nicht im Alltag. Noch die Großelterngeneration sang fast überall, daheim am Kuchltisch, bei Vereinsabenden, im Wirtshaus und sogar beim Wandern.
Jetzt wachsen viele Jugendliche ohne Singen heran. Doch Tausende erlernen ein Instrument im besten Musikschulwerk der Welt. Ja, es gibt kein besseres, obwohl es einen Bereich vernachlässigt: Ausbildung für Chorsänger. Gäbe es sie auf ebenso breiter Basis wie die Schulung in Instrumentalmusik, läge das allgemeine Gesangsniveau nicht so im Argen. Ein erfahrener Kinderchorleiter stellt fest: Die meisten Lieder müssen wir heute eine Terz tiefer singen als noch in den achtziger Jahren, „is aber eh klar, ohne Übung kummst net auffi“.

Weiterbildungsangebote engagierter Organisationen (Chorverband, Vokalakademie) können  nicht ausreichend dagegen steuern. Könnten’s die Schulen? Fast die Hälfte aller Lehrer, die in den oö. Hauptschulen Musik unterrichten (müssen), sind dafür nicht ausgebildet! Und im Landesmusikschulwerk wurden seit Jahrzehnten überwiegend Instrumentalisten angestellt. Ganz Oberösterreich hat nicht einmal 30 Singschullehrer.
Die Zeit ist reif für eine Änderung der Personalpolitik. Wenn jetzt die Pensionierungswelle anrollt, kann man bei Nachbesetzungen von Instrumental- zu Gesangslehrern umschichten. Denn die Begeisterung für das Erlebnis gemeinsamen Singens ist von klein auf zu wecken. Jugendlichen ist in Singschulen das Rüstzeug mitzugeben, von dem sie selbst und später auch die Erwachsenenchöre profitieren.

Diese Problematik spüren wir auch in der anspruchsvollen Volksmusik. Wie viele ausgezeichnete Instrumentalgruppen sind in den letzten Jahrzehnten entstanden – und wie dramatisch wenige hervorragende Gesangsgruppen. Zu erfreulichen Ausnahmen ein TV-Tipp: Am Sonntag (16.35 Uhr, ORF 2) widmet sich „Erlebnis Österreich“  dem  oö. Volksmusiknachwuchs. „Wie die Alten sungen“ von Sandra Galatz präsentiert musikalische Familien aus Gosau, Reichenau, Kirchdorf und den Hummelkinder-Chor aus Mehrnbach.