Fairness auf der Bühne

[29] OÖN 14. Juli 2011

Sie bereichern das Leben sehr vieler Menschen, lassen sie staunen, schaffen Neues von bleibendem Wert: Die Besten unter den Kreativen nennen wir Künstler. Sie unterhalten sie, bereiten aber weniger Spaß als – viel wertvoller – Freude. Wenige können davon leben (und von den Tantiemen auch noch ihre Erben), die meisten jedoch arbeiten in einem Brotberuf und widmen den Großteil ihrer Freizeit dem Malen, Komponieren, Schreiben… Viele dieser Kulturschaffenden sind Mitglieder der Verwertungsgesellschaften Literar Mechana und AKM (Autoren, Komponisten, Musiker) und kassieren Tantiemen, wenn ihre Werke von anderen aufgeführt werden. Dieses Geld steht ihnen von Gesetzes wegen zu. (Siehe „Volkskultur mittendrin“ vom 7. April 2011.)

Es kann freilich gerade in der Volkskultur nicht einfach darum gehen, was man „muss“, weil es gesetzlich geregelt ist. Vielmehr sollte es als selbstverständlich gelten, dass sich niemand mit fremden Federn schmückt. Wer einen fremden Text vorträgt und dafür Applaus einheimst, ohne den Autor zu erwähnen, ist zumindest unfair und müsste, um im Sportjargon zu bleiben, dafür die gelbe Karte bekommen.

Ähnliches gilt für die Musik, wenngleich in stark abgeschwächter Form. Wird sie als „musikalische Umrahmung“ einer Veranstaltung dargeboten, führen die Programme meistens nur die Namen der Ausführenden an; darüber wird sich niemand beschweren. Handelt es sich jedoch um ein Konzert oder auch einen Volksmusikabend mit Moderation, ist es nicht korrekt, zwar die Musiktitel anzusagen, die Komponisten jedoch zu verschweigen. Erstens, weil es sich gehört, und zweitens, um sich als Veranstaltungssprecher eine solch peinliche Szene zu ersparen: „Guat hast es gmacht und wunderbare Gedichte hast vortragn“, lobte ein bekannter Autor den allseits gelobten Abendmoderator, „drei von deine Gedichte hab i gschriebm. Von wem san de andern?“

Bei einer Irland-Reise hatten wir im Vorjahr – gemeinsam mit Fotokünstler und Arzt Josef Holzner aus Ansfelden – das Glück, ein Konzert des seit Jahrzehnten verehrten Country-Stars Kris Kristofferson zu erleben.  Wir waren zufällig über das Ankündigungsplakat gestolpert, das Vergnügen war also ungeplant und auch „ungeplagt“, da Kris unplugged spielte, nur mit akustischer Gitarre, ohne uns mit schmerzender Lautstärke zu quälen.
Der alte Mann und seine Gitarre, allein – nur Bobby McGee war auch dabei – auf der Bühne in Kilkenny. Nach einem seiner umjubelten Hits sagte er in den tosenden Applaus hinein: „You like it? Die Melodie stammt nicht von mir, sie ist von Kenny Rogers, und ich danke ihm dafür“.

Wer zugibt, dass ein Werk dem Einfallsreichtum eines anderen entsprungen ist, schmälert in keiner Weise seine eigene Vortragskunst als Sänger, Musiker oder Moderator.