Flüssiges Fleisch und Augenfasten

[144] OÖN 6. März 2014

Aschermittwoch war ein strenger Fasttag. Das erkennen wir daran, dass der vinophile Nachbar heute Kopfweh hat und seine Frau „Zu viel gegessen!“ stöhnt. So beginnen wir die Fastenzeit mit Schlemmen beim Heringschmaus. Viele religiöse Fastenvorschriften – und raffinierte Wege, sie zu umgehen – finden sich im Brauchtum wieder.

Zeit genug war ja für diese Entwicklung, das 40-tägige Fasten wurde bereits im 4. Jahrhundert eingeführt. Damals zählte Völlerei nicht zu den im Volk verbreiteten Lastern, Hunger war dagegen ein vertrauter Gast. Ein dicker Bauch, Zeichen von Erfolg und Würde, blieb Würdenträgern vorbehalten.

Wie schmeckt der Hunger?

Fasten bedeutet Enthaltsamkeit und Mäßigung. Wer statt Fleisch und Wurst aufwändig zubereitete Meeresfrüchte verschlingt,  fastet nicht. Er weiß nicht, wie der Hunger schmeckt. Fasten dient der „Kestigung“, wie das Mittelalter freiwillige Entbehrungen nannte. Der Büßer aß nicht einmal „Laktizinien“, Eier und Milchprodukte, stammen sie doch von Tieren und wurden deshalb als „flüssiges Fleisch“ verunglimpft.

Nach der Idee des altjüdischen Tempelvorhangs begann man, Kruzifixe mit einem Fastentuch zu verhüllen, da der Büßende nicht würdig sei, den Gekreuzigten zu sehen. Dieses „Fasten der Augen“ als seelischer Aspekt des körperlichen Darbens wurde Teil des vorösterlichen Brauchtums. So entstand der Begriff „Hungertuch“, der sogar einem Dorf seinen Namen gab, Hungertuch in Böhmen (tschechisch Hladov).

In der Alltagssprache kennen alle Kulturen eine Entsprechung zur deutschen Phrase „am Hungertuch nagen“, die sprachlichen Bilder veranschaulichen dasselbe Problem auf höchst unterschiedliche Weise: Ehe der Franzose verhungert, „isst er das Fleisch einer tollwütigen Kuh“ (manger de la vache enragée), der Russe „legt die Zähne aufs Regal“ (положить зубы на полку), weil er nichts mehr zu beißen hat, der Italiener muss – wie wir – „den Gürtel enger schnallen“ (tirare la cinghia), da die Hose zu weit wird.

In unserer Zeit lässt das freilich nicht auf Hunger schließen. Zwar ist Fasten wieder eine zeitgemäße Übung, in unserer Gesellschaft des allgemeinen Schönheitswahns allerdings weniger aus religiösen Gründen als, wesentlich häufiger, um die ausgebeulte Wohlstandsfigur vor der Badesaison wieder zu verschlanken. Ein moderner Bauchbrauch.