Frauendreißiger ohne “Brennende Liebe”

[33] OÖN 8. September 2011

Schon der Vierziger setzt so mancher Frau zu, vom Fünfziger ganz zu schweigen. Und eine Kollegin, so wie ich „mittendrin in der Volkskultur“, hatte sogar schon mit 28 Angst vor dem nahenden Dreißiger: „Dann bin ih nimmer jung!“  
Dabei wird der Frauendreißiger hoch geschätzt, wenn auch nicht auf das Alter bezogen. Besonders im Westen Oberösterreichs, in Bayern und Tirol heißen die 30 Tage ab dem 15. August „Frauendreißiger“, sie sind die beste Jahreszeit zum Kräutersammeln.  Pflanzen sollen jetzt ihre giftige Wirkung verlieren und dadurch ihre größtmögliche Heilkraft entfalten.

Wie viele andere Bereiche der Volkskultur hängt auch das Frauendreißiger-Brauchtum eng mit christlichen Traditionen zusammen. In diese 30 Tage fallen die meisten Marien-Gedenktage: 15.8. Mariä Himmelfahrt, 8.9. Mariä Geburt, 12.9. Mariä Namen, 15.9. Mariä Schmerzen. Ein vatikanisches Dokument aus dem Jahre 2003 grenzt diese Zeit der Marienverehrung genau ein: von der Vesper zu Mariä Himmelfahrt bis zum Sonnenuntergang am Gedächtnistag Schmerzen Marias – ein Marienmonat im Sommer.
In diese urkatholische Geisteshaltung mischt sich alter Aberglaube: „Ein Laubfrosch zwischen Mariä Himmelfahrt und Namensfest gefangen, in ein Läppchen Leinwand gebunden und am Halse getragen, vertreibt den Schwindel. Nur darf er nicht mit bloßer Hand berührt worden sein“ (aus „Das Jahr und seine Tage in Meinung und Brauch der Heimat“, Linz 1927.) 

Vernünftigeren Hintergrund hat der Brauch des Kräutersammelns im Spätsommer. Heilpflanzen, die jetzt gesammelt werden, haben mehr heilende Wirkung als alle anderen; mit Ausnahme der Johanniskräuter, die man zur Sommersonnenwende pflücken sollte.
Und wieder gehen Religion und Aberglaube Hand in Hand: Kräuterbuschen aus geweihten Kräutern, mit den Blüten nach unten  im Herrgottswinkel zum Trocknen aufgehängt, sollen gegen Verzauberungen und Krankheiten helfen, insbesondere wenn sie mit Weihrauch vermischt sind und das Krankenzimmer damit ausgeräuchert wurde. Teile der Buschen wurden früher in der Scheune unter die erste Garbe gelegt, kranken Tieren zur Genesung ins Futter gemischt, eine kleine Menge kam sogar ins Butterfass. Diese Kräuterbuschen bestehen aus 7, 9, 12 bis 77 oder 99 verschiedenen Kräutern, durchwegs Zahlen, denen magische Wirkung zugeschrieben wird.

Am beliebtesten waren im Kräuterbüschel, einst „Marienbündel“ oder „Bettstroh unserer lieben Frau“ genannt, das Johanniskraut (gegen böse Geister), Schafgarbe (gegen Schwindsucht), Tausendguldenkraut (hilft Hexen zu erkennen), Kamille (stärkt das Hirn), Bibernell („hält die Pestilenz zur Stell“), Frühlingsenzian (Liebeszauber), Bärenklau (gegen Blitzgefahr) und Baldrian (hält Unholde von Brautleuten fern). Nur die „Brennende Liebe“ durfte nie im Kräuterbüschel sein: Lychnis Chalcedonica war eine beliebte Festblume bei Tanzveranstaltungen und wurde deshalb als lasterhaft verunglimpft.