D’Gosinger Hymne vom Mostrocker

[11] OÖN 14. Oktober 2010
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In einem abgeschiedenen Hochtal am Fuße des Dachsteins, in Gosau, versteckten sich einst verfolgte Protestanten. Sie trugen viel bei zum Entstehen eigenständiger Kulturformen, wie sie ihre Nachkommen heute noch pflegen. Jetzt hat Gosau sogar eine eigene Hymne aus der Feder des Mostrockers. Gerhard Egger vulgo Zimmerer-Gerhard, ehemaliger Hitparadenstürmer, später Volksschuldirektor in Stadl-Paura, hat sie seinem Bruder Franz und wohl auch seinem Heimatort Gosau gewidmet:
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Wann i hegeh durin Zwang, is a Sehnsucht e mir,
und aft dauerchts neama lang, bis i mei Gosatoi siah.

Von Gosazwang zon Gosakamm is’s nit recht weit,
owa weit gmuag fi a ganz a scheni Zeit.

Steig i auffi aufn Kamm und schau ohi zon See,
ja aft dauerchts neama lang, bis i mein Herrgott vosteh.

Von Gosasee zon Dastoaschnee is’s nit recht weit,
owa weit gmuag fi a ganz a scheni Zeit.

Hulio e di ri, so sing i oimoi,
wann i hoamkimm es Gosatoi.

Schau i ummi iwan Stoa, tuat die Welt si weit auf,
und aft dauerchts neama lang, bis das Lebn nimmt sein Lauf.

Owa is die Welt a no so weit, es zoicht mi zo dir
wia’s an Feimoidta zoicht zo da Bliah.

Hulio e di ri, so sing i oimoi,
wann i hoamkimm es Gosatoi.

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Im Gosatoi leben selbstbewusste Menschen. Noch nie haben sie freiwillig nachgegeben, der Mut zum Aufbegehren ist ihnen angeboren. „Diese Widerstandsneigung prägt bis heute das eigentliche Wesen der Hochtalbewohner“, schreibt Gerhard Egger in seinem eben erschienen Buch „Zeitspuren aus dem inneren Salzkammergut – Von Gosau bis Galizien“.  Bestimmende Charakteristika: freiheitsliebend, gerechtigkeitssinnig, konsequent und hartnäckig. Selbst wenn’s das Leben kostet. So lesen wir in einem Reisebericht aus der Zeit der Glaubensaufstände um 1600: „Es sind zwei Gosinger, also Aufriehrer und Rebeler, am Pass Geschütt gehenkt worden!

Mostrocker Gerhard Egger  (Foto: Klaus Huber)
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In dem historisch fundierten Werk, gemeinsam mit Josef Posch* verfasst, führt uns Egger vor Augen, warum „wahrscheinlich nicht die Dümmsten und Unterwürfigsten“ in der Reformationszeit ins Gosautal flüchteten und dort den Stamm der Bevölkerung bildeten. Zu Geheimgottesdiensten zogen sie sich in hochalpine Höhlen zurück. Wurden sie aufgespürt, erduldeten sie eher die Verbannung, als sich der Obrigkeit zu beugen.

Auch das Bewusstmachen der eigenen Geschichte ist Anliegen der Volkskultur. Tradition wird hier nicht zur Schau gestellt. Sie lebt. Zum Beispiel bei Bauernhochzeiten: Ab 6 Uhr früh sind im Gosautal „Böjara“ (Böllerschüsse) zu hören. Den Hochzeitszug stellt der Prograder zusammen, der sich als „Prokurator“ um den gesamten Ablauf zu kümmern hat.
Ross und Reiter werden für diesen Tag aufkranzt. Der Zug vom Haus der Braut zur Kirichn – die Kirche erhält in der Gosinger Mundart ein zweites i – wird von Spitzreitern angeführt. Sie reiten immer wieder ein Stück voran, drehen um, reiten weiter – als würden sie den Zug zur Kirche locken. Diese Spitzreiter dürfen auf keinen Fall fehlen, erklärt Volkskulturoriginal Adi Posch: „A Bauernhohzeit ohne Spitzreiter is wia a Henigbudamoasn ohne Henig” – so unvorstellbar wie ein Honigbutterbrot ohne Honig. Oder wie ein Festtag ohne Gosinger Tracht: schwarzer Leibkittel, lila Schürze, schwarzes Kopftuch.

In seiner Almhütte bereitet Adi Posch, gelernter Konditor, mit Mehl, Salz, Wasser, Ei und Butterschmalz sein Abbrennmuas zu: Mehl wird mit heißem Wasser abbrennt. Mit frischen Walderdbeeren wird daraus eine köstliche Spezialität, s Beenmuas.

So sind sie, die Gosinger: bescheidene Genießer, tiefsinnig und fröhlich, stolz auf ihre kleine Welt, die dich freundlich aufnimmt, in der du nicht einmal nach jahrzehntelangem Aufenthalt als Einheimischer gelten wirst, wenn du nicht dort geboren bist.

*) Josef Posch (1873-1953), Gosauer Bürgermeister, Gerhard Eggers Großvater