Hanslverbrennen, wenn sich die Sonne wendet

[60] OÖN 21. Juni 2012 

„Wer eines Montags drei Stunden nach Sonnenaufgang zur Zeit der Sommernachtgleiche geboren ist, kann mit Geistern umgehen“, lesen wir bei den Brüdern Grimm, in der Sonnwendnacht gezeugte Kinder haben den bösen Blick, warnt alter Aberglaube, und Nibelungenheld Siegfried wird zur Sommersonnenwende getötet.

Vieles ändert sich, denn zu diesem Zeitpunkt „steht sogar die Sonne still“. Das lateinische Wort „solstitium“ und das griechische „heliostásion“ drücken es wörtlich aus: „Stillstand der Sonne“. Sie hat ihre nördlichste Position auf der Himmelskugel erreicht, beschert uns auf der Nordhalbkugel die kürzeste Nacht des Jahres und den längsten Tag. Diesem geozentrischen Weltbild entspricht die Bezeichnung Sonnenwende, die Sonne „wendet sich“ und scheint sich ab jetzt wieder in Richtung Äquator zu bewegen. Dem Volksglauben und der Mythologie können Kopernikus, Kepler, Galilei mit ihren astronomischen Erkenntnissen freilich nichts anhaben, „Sunnawend“ bleibt etwas Besonderes und beflügelt die Fantasie.

Seit der Christianisierung Europas wird die Sonnenwende mit dem Festtag Johannes des Täufers am 24. Juni verknüpft. Johannisfeuer, im oö. Brauchtum auch „Sunnwendhansl-Feuer“ genannt, lodern vor allem auf Berggipfeln und Hügeln. Burschen und Mädchen springen darüber – eine Mutprobe mit abergläubischem Hintergrund: Der Sprung über das Feuer soll reinigen und vor Krankheit schützen. Je mehr Menschen darüber springen, desto größer die Wirkung! Und wenn ein Paar Hand in Hand über das Feuer springt, soll bald Hochzeit gefeiert werden.

Als Brennmaterial für Sonnwend- und Johannisfeuer eignen sich alte Besen oder die dürren Überreste der „Birkenrallye“ zu Fronleichnam, auch der zersägte Maibaum kann dafür herhalten. Schließlich setzt man zwei Strohpuppen in alten Kleidern auf den Holzstoß, den Sonnwendhansl und die Sonnwendgretl. Sie werden mitverbrannt, denn damit lassen sich böse Dämonen und Krankheiten abwehren.

Im Waldviertler Brauchtum müssen Kühe am Sonnwendtag schon vor Sonnenaufgang und dann wieder vor Sonnenuntergang gemolken werden, „damit d’ Hex net dazua kummt“. Außerdem erhält das Vieh an diesem Tag, ebenfalls vor Sonnenaufgang, eine Handvoll grünen Hafer als „Maulgabe“ zum Schutz vor Krankheiten.

Um 1:09 Uhr ist heute also „die Sonne still gestanden“, damit hat der Sommer begonnen. Alte Kulturen sahen in diesem Zeitpunkt dagegen nicht den Beginn, sondern den Höhepunkt des Sommers. In Irland gilt heute noch der Zeitraum 1. Mai bis 31. Juli als Sommer. Und je weiter nördlich die Menschen leben, desto wichtiger ist ihnen das „Mittsommerfest“ zur Sonnenwende. In Nordeuropa, wo es jetzt (fast) gar nicht mehr finster wird, werden die „Weißen Nächte“ ausgelassen gefeiert.