Heimatforschung, schnörkellos wie der Heartland Rock

[77] OÖN 22. Oktober 2012

„Die Vergangenheit ist eine riesige Steinwüste, die viele am liebsten wie auf einer Autobahn durchqueren, während andere geduldig von Stein zu Stein wandern und jeden einzelnen hochheben, weil sie wissen müssen, was sich darunter befindet.“  Mit diesen Geduldigen, die auch Verborgenes wissen „müssen“, charakterisierte der portugiesische Literatur-Nobelpreisträger José de Sousa Saramago perfekt das wackere Häuflein der Heimatforscher. Diese Spezies ist zum Glück nicht vom Aussterben bedroht, im Gegenteil, sie erfreut sich ständiger Vermehrung. Was bewegt einen Menschen im Zeitalter von Stratos-Sprung und sekundenschneller Datenübermittlung, sich Marterln, alten Rezepten, Flurnamen und Strohdächern zu widmen?
Hauptmotive sind die Freude am Erkunden der engsten Umgebung und der Respekt für die überlieferte Alltagskultur. Dazu zählt der Drang, in der eigenen Lebenswelt das Positive zu finden, während rundherum das Negative breitgetreten wird. Als Auslöser fungiert die Neugierde, sie bewirkt beharrliches Nachstöbern, das wiederum zu freudigen Aha-Erlebnissen führt. Das scheinbar Rückständige erhält neuen Glanz. Für Menschen, die solche Leidenschaft in sich entdecken, bietet die oö. „Akademie der Volkskultur“ einen Lehrgang für Heimatforscher an, geleitet vom Kremsmünsterer Historiker Siegfried Kristöfl, einem gebürtigen Kärntner, der im Schloss Kremsegg arbeitet.
Kristöfl besitzt die Gabe, lächelnd vom hohen Ross der Wissenschaft herabzusteigen. „Durch den Umgang mit Begeisterten, die so viel über ihr Lebensumfeld wissen“, sagt er, „habe ich die Arroganz studierter Historiker abgelegt, die meinen, allen anderen etwas beibringen zu müssen.“ Er habe die „akademische Verblendetheit“ abgelegt und sei selbst zum überzeugten Heimatforscher geworden. Den Anstoß dazu gab Hans Pammer, früher Obmann des OÖ. Volksbildungswerks und Gründer der Akademie der Volkskultur. Im Landesarchiv beschäftigt, weckte er in Kristöfl die Lust, an Heimatbüchern von Gemeinden mitzuarbeiten. Heute schwärmt Kristöfl, dieses Forschen lasse das Gefühl erwachen, dass man Heimat nicht bloß bewahren, sondern ständig neu erschaffen müsse, indem man „Geschichten erzählt, um Geschichte zu schreiben“.
Ihm drängt sich ein verblüffender Vergleich auf: „Die Heimatforschung, transformiert in die musikalische Popularkultur, klingt wie der ‚Heartland Rock‘ eines Bruce Springsteen: einfach und schnörkellos. Am Massentauglichen muss zweifellos noch gearbeitet werden, aber Oberösterreich ist ja auch nicht New Jersey…“

INFO: Nächster Lehrgang Heimatforschung 23.11.2012 – 21.6.2013, Anmeldung: Akademie der Volkskultur, Tel. 0732 / 773190-12.