Holzkapelle, Pawlatschen und Moldaubäche

[55] OÖN 18. Mai 2012 

War es eine zufällige Begegnung? Da stapfte ein älteres Ehepaar gemächlich über das Wurzelwerk im Hochwald über der südböhmischen 220-Einwohner-Ortschaft Stožec, die früher Tusset hieß und von deutschsprachigen Böhmerwäldlern bewohnt war. Weit weg von überall. Die beiden Wanderer kamen schnurstracks auf uns zu und eröffneten, leutselig böhmakelnd, ein erstaunliches Gespräch. Sie waren aus Brünn, waren zwar dreimal so weit angereist wie wir Oberösterreicher, fragten jedoch uns, weshalb wir an einen derart abgelegenen Ort gekommen seien. Das gleiche Ziel, die Wallfahrtskapelle auf dem Tussetberg, war rasch erklärt. Dann drang das Geplauder tief in die Familiengeschichte ein. Das Paar wohnte in der Straße neben der Brauerei Starobrno (Altbrünn), aus der unsere „Haslacher Oma“ vor einem Jahrhundert weggezogen war. Marek hieß sie? Ja, Marek gebe es auch heute noch dort, aber das sei ein fast so häufiger Name wie Huber in Österreich. Wie wir heißen, haben sie nicht gefragt.
Interesse an der Tussetkapelle hat uns zusammengeführt. Der Schmied Jakob Klauser hatte diese Kapelle 1791 ganz aus Holz erbaut. Er lebte im böhmischen Wallern, heute Volary, wo typische Tiroler Holzhäuser mit geschnitzten „Pawlatschen“ und flachem Satteldach den Besucher verblüffen. Im Tschechischen bezeichnet pavlač einen offenen Hauseingang, in der Wiener Architektur wurden daraus überdachte Gänge in den Innenhöfen großer Wohnhäuser. Daher auch die Bezeichnung Pawlatschenbühne für Brettltheater im Hinterhof.
Das wusste der Österreich-Kenner aus Brünn, und wir freuten uns, ihm Unbekanntes in Böhmen zeigen zu können: die Grasige Moldau und die Mündung der Kalten Moldau in die Warme Moldau, kurz vor dem großen Stausee. Nicht einmal Einheimische hatten uns den Weg dorthin beschreiben können, es war ihnen egal. Also zogen wir erst querfeldein, dann immer flussaufwärts nach Westen, bis wir den Zusammenfluss erreichten. Das Ziel, wenngleich unspektakulär.
So ist es. Die eigene Geschichte, der ererbte Lebensraum, sprachliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten – all das macht Volkskultur aus.