Kraftorte, Volksmedizin und die erotischen Signale der Tracht

[97] OÖN 14. März 2013

Wer glaubt, nimmt Grundsätze als gottgegeben hin. Wer deutet, hinterfragt, was andere glauben. Wer heilt, hilft und tröstet, auch nach Verwundungen, die durch Deuten entstanden sind. Dem Themenkreis „Deuten, Glauben, Heilen“ widmet sich die Jahrestagung der oö. Volkskultur im Stift Reichersberg.
Die Hauptreferate behandeln Orte der Kraft, Rückbesinnung auf traditionelle Volksmedizin und „Tracht zwischen Funktion und Zeichenhaftigkeit“. Was so sperrig klingt, verspricht eine spannende Auseinandersetzung mit textilen Botschaften. Roswitha Orač-Stipperger vom Volkskundemuseum Graz scheut sich nicht, an Denkmälern zu rütteln und schamhaft Verschwiegenes offen anzusprechen, etwa die erotischen Signale der Tracht.
Beide Geschlechter präsentieren ihre Vorzüge durch Betonung bestimmter Kleidungselemente und damit Körperteile. Männertracht lenkt die Aufmerksamkeit auf stramme Wadln und mit dem Ranzen gezielt auf die Leibesmitte.  (Kitzalps-Foto: Lederhose mit Ranzen)
Dirndlkleider heben die Oberweite heraus, das farbige Busentuch soll das Dekolleté zwar beim Kirchgang verdecken, dann aber flott wieder frei geben – ein bewährtes Requisit weiblicher Koketterie.
Tracht zeigt Generationenunterschiede auf – „sie kommt unter die Haube“ – und verlässt sich in ihrer Wirkung sehr stark auf Farbsymbolik. Längst vergessen: Weiß war in alpinen Gegenden noch vor 200 Jahren die Farbe der Trauer, ehe sich Schwarz durchsetzte. Alles fließt, alles ändert sich ständig. Erneuerungsverweigerer werden es schwer haben mit Referentin Roswitha Orač. Die Begründung „Das war schon immer so“ fehlt in ihrem Sprachschatz. Deshalb sieht sie manche Elemente der Trachtenerneuerung kritisch. Mit Bildern aus der Zeit um 1900 lasse sich keineswegs belegen, wie die typische Tracht damals ausgesehen habe, der man jetzt nacheifern sollte: „Oft zeigen alte Fotos ja nur, was modisch war.“
Volkskundler unserer Tage betrachten alles wesentlich lockerer als ihre Vorgänger im 20. Jahrhundert, die gerne „allgemein gültige“ Richtlinien erstellten. Die Zeit ist über sie hinweg gegangen. Wer im innersten Kreis steht, von Fundis umzingelt, dem fehlt der Überblick. Deshalb sollte man das Deuten denen überlassen, die nicht kritiklos glauben, sondern wachsam beobachten, ohne zu werten.

INFO: Jahrestagung OÖ. Forum Volkskultur „Deuten, Glauben, Heilen“ im Stift Reichersberg. Freitag, 15.3.: Kraftorte im Spannungsfeld zwischen Realität, Glauben und Esoterik“ (Dr. Thomas Schwierz), „Die Bedeutung des Ehrenamtes für die Gesellschaft“ (Landtagspräsident Friedrich Bernhofer). Samstag, 16.3.: „Volksmedizin einst und jetzt“ (Dr. Kurt Lettner), „Textile Botschaften verstehen. Tracht zwischen Funktion und Zeichenhaftigkeit“ (Dr. Roswitha Orač-Stipperger).