Loblied auf die Schrägen und Murigen: besser frech als brav

[75] OÖN 4. Oktober 2012

Wir trauten unseren Ohren kaum. Forum-Volkskultur-Präsident Herbert Scheiböck, dem ich mich freundschaftlich verbunden fühle, dessen Einschätzungen ich aber nicht immer teile, verblüffte uns mit seiner Schlussansprache beim Fest der Volkskultur in Kopfing. Es sei an der Zeit, sagte er, sich einmal „bei der Politik“ dafür zu bedanken, „dass wir in diesem Land offen sagen dürfen, was wir wollen“. Das sei nämlich durchaus nicht selbstverständlich, wie man etwa am Beispiel Russland sehe, wo drei Musikerinnen der Gruppe „Pussy Riot“ eingesperrt und verurteilt wurden, „dagegen ist in unseren Gstanzln alles erlaubt“.
Es ehrt dich, Herbert, du meinst es immer gut. Doch diesmal muss ich dir widersprechen.
Für die Redefreiheit in unserem Land brauchen wir uns nicht bei der Politik zu bedanken! Im Gegenteil: Würde sie uns beschnitten, dann hätten die Politiker bald allen Grund, „sich zu bedanken“, wie der  Volksmund hämisch droht.
Wir würden sie nämlich mit Schimpf und Schande verjagen. Diesen Volksaufstand MÜSSTEN wir anzetteln und anführen, um die demokratischen Grundwerte zu verteidigen. Notwehr – mehr als erlaubt, geradezu notwendig. Daher kein Danke an „die Politik“ für unsere Rechte.
Es ist umgekehrt, und die Politiker wissen es: Sie haben den Tausenden Kulturträgern zu danken, besonders den kritischen, denn nur diese bringen uns weiter. Die Schrägen verhindern dauerhaften Stillstand, die Unangepassten finden Wege aus Sackgassen, den Mutigen gelingt Neues.
Besser frech als brav.
Kulturelles Engagement, noch dazu ohne Bezahlung, kann nicht hoch genug geschätzt werden. Daher ist es bei weitem mehr als ein volksnahes, um Wählerstimmen heischendes Hobby von Landeshauptmann & Co., die Volkskultur zu fördern. Es ist ihre Pflicht, es ist Teil ihrer politischen Verantwortung.
Alljährlich bedanken sich die führenden Funktionäre, weil wohl erzogen,  beim Landeskultur- und finanzreferenten für die Subventionen aus Steuergeldern. Das gehört sich so.
Der zuständige Politiker ist aber nicht daran zu messen, ob er unser Steuergeld verteilt, sondern wie. Möglichst sinnvoll, möglichst gerecht. Möge diese schwierige Übung immer gelingen. Die Wahrung demokratischer Grundrechte dagegen liegt nicht im Ermessensspielraum der Politiker.