Matura in der Lederhose, Schulchor in Tracht – die Ächtung ist überwunden

[106] OÖN 23. Mai 2013

Der Aufschwung der Volkskultur erfasst die Stadt. Sogar Linz. Das war jahrzehntelang undenkbar. Ein Linzer Teenager konnte ab den sechziger, siebziger Jahren unmöglich Steirische Harmonika lernen, ohne zum Gespött seiner Schulfreunde zu werden. In einer Blaskapelle zu spielen, galt als urkomisch, und die Mitwirkung bei einer Volkstanzgruppe hätte sofortige Ächtung nach sich gezogen.
Nur sehr überzeugende Musiklehrer überwanden die kollektive Abneigung der Jugendlichen gegen das Singen heimischer Lieder. So ein Schmarrn! Wie blöd auch englische Liedtexte sein können, waren ihnen egal. Eine ähnliche Erfahrung machte ich in Russisch-Klassen. „Du meine Beere, kleine Himbeere in meinem Garten … schönes, liebes Mädchen, hab mich doch lieb …“ Hätte ich 17-Jährigen diese schmalzige Übersetzung zugemutet, wären alle aus dem Freigegenstand geflohen; auf Russisch sangen sie jedoch „Kalinka“ aus voller Kehle.
„Ich bin schon vor dreißig Jahren mit der Lederhose durch Linz gegangen“, erinnert sich mein Almtaler Freund, „damals bin ich aufgefallen und habe im Vorbeigehen auch abfällige Bemerkungen gehört. So etwas passiert jetzt nicht mehr.“ Und die Jungen heute? Der Vater eines 18-Jährigen erzählt, sein Sohn will demnächst in Lederhose zur Matura antreten.
Frauen in Tracht, etwa in der Stadt Salzburg seit jeher ein gewohnter Anblick, werden nun auch in Linz nicht mehr als Landpomeranzen betrachtet. Zu den bekennenden Dirndl-Trägerinnen zählen die Linzer Bankerin und die Mittelschul-Direktorin, die Ärztin und die Geschäftsfrau – aber nicht nur die Mütter im gesetzten Alter, auch ihre Töchter.
In ungezwungener Atmosphäre erlebt die Volkskultur ein neues Hoch. Jüngste Beispiele: Zum großen „Mostln“-Fest der OÖN kamen Dutzende Persönlichkeiten der oö. Gesellschaft in noch ungewohnter Tracht. Beim Benefizkonzert für Schmetterlingskinder im OÖ. Kulturquartier sangen nicht nur „die vom Land“, der Stötten-Chor aus Gampern, in Tracht, sondern auch der Chor der Neuen Musikmittelschule Linz-Harbach.
Eine neue Generation von Stadtkindern wächst ohne Scheu vor Dirndl und Lederhose heran.

Foto: Klaus Huber