Net g’schimpft is g’lobt gnua

[21] OÖN 10. März 2011

Die EU-Kommission, berühmt für selbstlose Funktionäre mit mickrigen Gagen, hat also 2011 zum „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“ erklärt. Träger von Ehrenämtern wurden noch nie so hoch gelobt wie heuer. Menschen, die Tausende Stunden unbezahlter Arbeit für die Gesellschaft leisten, werden von höchstbezahlten Amtsträgern mit Urkunden und Ehrentiteln ausgezeichnet. Sie freuen sich darüber, weil sie ja gerne tun, wofür sie geehrt werden, und sie empfinden die Einladung zum anschließenden Buffet als großzügig, wenn sie dieses auch mit ihren Steuergeldern selbst bezahlen. Alle Beteiligten, Ehrende und Geehrte, wissen: Bekämen die Präsidentin und der Generalsekretär eines großen Kulturverbandes nur halb so viel bezahlt wie der zweite Assistent eines Beamten im Vorzimmer der Macht, bräche das gesamte System zusammen.

Zweifellos sind die ehrenamtlich Tätigen in anderen Bereichen noch wichtiger als in der Kultur. Hätten wir sie nicht, würde niemand einen Skifahrer aus dem Lawinenhang bergen oder Kinder aus brennenden Häusern retten, und der Herzinfarktpatient, der langzottige Zivildiener als nichtsnutzig beschimpfte, hätte ohne Rettung keine Überlebenschance.

Doch wir leben nicht nur, um zu überleben. Die Qualität menschlicher Gemeinschaft wird von unserer Kultur bestimmt. Dieser Begriff – Grundbedeutung „Pflege“ (lat. cultura) – hat sich weit entwickelt, von der engen Bedeutung „Kultivierung“ im Sinne des Urbarmachens von Ackerland zur Pflege geistiger Güter. Sehr viele Menschen spüren, wie wichtig kulturelle Wurzeln sind, aus denen Bewährtes wächst, woraus wiederum neue Formen sprießen können. So funktioniert Volkskultur. Die Beschäftigung damit setzt Freude, Geduld, emsige Hingabe voraus. Wäre das mit Geld aufzuwiegen, könnte es sich kein Land leisten. Denn es sind mehr als 100.000 Menschen, von Bläsern bis Trachtlern, die sich ohne Bezahlung in der oö. Volkskultur engagieren!

Dafür verdienen sie sich wenigstens Achtung und Anerkennung. Der alte Spruch „net g’schimpft is g’lobt gnua“ mag zum Schmunzeln verleiten, er wird deswegen nicht g’scheiter. Stellen wir uns Gemeinden ohne ihre Traditionsvereine vor: Ebensee ohne Faschingsnarren und ohne Glöckler, Andorf ohne Sänger, Molln ohne Maultrommler, Pramet ohne Mundartdichter, Haslach ohne Bürgergarde, Goisern ohne Volksmusikanten – undenkbar wie St. Florian ohne Sängerknaben, Grünau ohne Bergrettung… 

Wem Volkskultur „nichts gibt“, der muss ja nirgends mitmachen. Er darf trotzdem, vielleicht unbewusst, von den Leistungen der Vereine profitieren und mitnaschen.  Alle wirklich Großen von Mozart bis Welser-Möst schätzen die Volkskultur hoch. Ein Bürgermeister, der beim wichtigsten Kulturevent seiner Stadt keine Goldhaubenfrauen in Festtagstracht sehen will, zählt eben nicht dazu.

Auch so kann es Ehrenamtlichen ergehen, zum Glück jedoch sehr selten. Fast überall werden sie heuer besonders gewürdigt. Nicht nur, weil sie in dieser Zeit schwindsüchtiger Budgets ohne Honorar arbeiten.