Neue Schuhe, neue Liebe

[44] OÖN 2. Februar 2012 

Neue Schuah – neue Liab. Wie viele Schicksale verbirgt dieser saloppe Spruch, er rührt zu Tränen, steckt voller Leid. Neue Schuah – neue Liab, das klingt nach freudigem Neubeginn und verhieß doch erzwungenen Abschied.
Viele Menschen hatten früher Angst vor dem 2. Februar, nicht vor dem urchristlichen Fest Mariä Lichtmess, sondern vor dem Ende des Dienstbotenjahres an diesem Tag. Hatte nämlich der Bauer verbotene Liebesbande zwischen Knecht und Dirn entdeckt, konnte er sie jäh zerreißen.
War der Knecht sein verlässlichster Mitarbeiter am Hof, musste die Dirn verschwinden. Interessierte sich der Bauer selbst für die fesche Dirn, hatte sich der Knecht einen anderen Arbeitsplatz zu suchen. Heiraten durften Dienstboten schon gar nicht, mussten sie doch als Arbeitskräfte jederzeit verfügbar sein.
Da wohlhabende Bauern den Dienstboten als Anerkennung für gute Arbeit neue Schuhe schenkten, entstand der Spruch „Neue Schuah – neue Liab“. Du wirst dir schon wieder jemanden finden… Bauern und Dienstboten ist also ein Licht aufgegangen, zu Lichtmess wussten sie, mit wem und bei wem sie künftig arbeiten würden. Beide mussten der Verlängerung des Arbeitsverhältnisses zustimmen.
„Ein Licht aufgegangen“ – diese Redewendung drückt Erkenntnis aus, aber auch Erleichterung. Denn Licht besiegt das Böse, darauf vertrauen alle Kulturen. Zum christlichen Fest am 40. Tag nach Weihnachten gehörte schon im 5. Jahrhundert eine Lichterprozession. So verbünden sich religiöse und praktische Aspekte: Im Winter mussten Kerzen die Räume beleuchten. Jetzt, da die Sonne wieder länger scheint, sind sie für rituelle Zwecke einsetzbar.
Zur Vorsicht – man weiß ja nie, ob’s wirklich Unfug war – durfte auch alter Aberglaube weiterleben. Die heidnischen Römer verteilten bei Reinigungsfeiern Fackeln an das Volk, keltische Tradition feierte am 2. Februar das Fest der Feuergöttin Brigid – der Weg zur christlichen Kerzenweihe war ein kurzer.
Die Menschen vertrauten der Schutzwirkung am Lichtmesstag gesegneter Kerzen. Ihr Licht schützt das Haus vor Blitzschlag, hält böse Geister fern, lässt Kinder besser schlafen und Kranke genesen, schützt Sterbende vor Dämonen.
Und dann kommt Agatha. Spätestens an ihrem Festtag am 5. Februar mussten Dienstboten beim neuen Arbeitgeber einziehen. Drei Tage frei – damit war der ganze „Jahresurlaub“ von Knecht und Dirn aufgebraucht. Dieser Klasse gehörten in Österreich noch in den dreißiger Jahren rund 300.000 Menschen an, besitzlos und zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet. Der katholische Bauer konnte sie sogar zur Osterbeichte zwingen, wer sich weigerte, wurde sofort vom Hof verjagt.
„Für uns selber hamma nia Zeit ghabt“, erzählt ein heute 85-jähriger ehemaliger Knecht, „aber dafür hamma jedn Tag was z’essen kriagt. D’Kammer war net g’hoazt, doh wer den ganzn Tag arbeit’, schlaft eh guat“. Wie steht er zum Gerede von der angeblich so guten, alten Zeit? „Na ja… So schlecht war’s ah wieder net.“