Olympische Idee im heißen Sommer

[28] OÖN 30. Juni 2011

Wer Bemerkenswertes leistet, misst sich gerne mit anderen. Deshalb hat auch die Volkskultur ihre Wettbewerbe. Zahlreiche musikalisch Begabte beteiligen sich jedes Jahr an Jugendmusikwettbewerben (prima la musica, Gradus ad Parnassum, PODIUM.JAZZ.POP.ROCK…), Traditionsbewusste stellen sich dem Alpenländischen Volksmusikwettbewerb in Innsbruck, Blaskapellen proben monatelang für Wertungsspiele, Schauspielerensembles lassen sich von Theaterwettbewerben fordern, Tanzturniere und Fotowettbewerbe sind geradezu Klassiker unter den Kulturwettbewerben.

Da will auch die Dichtung nicht zurückstehen: Als junge Disziplin gilt „Poetry Slam“, ein Wettstreit der Bühnendichter, 1986 in Chicago erstmals durchgeführt und seither auf weltweitem Siegeszug. Die Mitwirkenden tragen ausschließlich eigene Texte vor und haben ein Zeitlimit genau einzuhalten. Eine Jury – oder das Publikum – bewertet die Qualität der Texte, aber auch die Originalität des Vortrags und kürt die Sieger.

Eine junge Disziplin? Poetry Slam beruht auf einer fast 3000 Jahre alten Idee. Schon in den ältesten Aufzeichnungen über die antiken Olympischen Spiele werden Sieger nicht nur in Sportarten wie Diskuswerfen, Stadionlauf (192 m), Wagenrennen, Ring- und Faustkampf aufgelistet, sondern ebenso in den Disziplinen Musik und Dichtkunst. Wie auch wieder bei den Olympischen Spielen der Neuzeit von 1912 bis 1948.

In der Mundartdichtung hat sich der von der Stadtgemeinde Grein vergebene Leopold-Wandl-Preis zum Lyrikwettbewerb entwickelt. Um auch die Mundartprosa zu fördern, hat der Stelzhamerbund heuer den Franz-Stelzhamer-Preis für Kurzgeschichten ausgeschrieben. Einsendeschluss: 10. Juli. INFO: www.stelzhamerbund.at, klaus.huber@gmx.com.

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Die Volkskultur liebt Bauernregeln. Mit herrlichem Wetter hat uns der Siebenschläfertag, der Montag dieser Woche, einen heißen Sommer angekündigt. Gerne glauben wir den überlieferten Weisheiten, wenn sie uns so Gutes prophezeien: „Scheint am Siebenschläfer Sonne, gibt es sieben Wochen Wonne.“ Langjährige meteorologische Aufzeichnungen bestätigen dieser Regel sogar die erstaunlich hohe Treffsicherheit von 70 Prozent.

Entgegen landläufiger Meinung hängt die Bezeichnung Siebenschläfertag keineswegs mit den putzigen Nagetierchen zusammen, deren Winterschlaf mindestens sieben Monate dauert. Nach altem Volksglauben handelt es sich vielmehr um den Gedenktag für die „Sieben Schläfer von Ephesus“: Sieben Männern namens Maximian, Malchus, Martinian, Dionysius, Johannes, Serapion und Konstantin wurden während der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Decius im Jahre 251 lebendig eingemauert. Sie starben jedoch nicht, sondern schliefen 195 Jahre lang, erzählt die Legende. Am 27. Juni 446 wurden sie entdeckt und aufgeweckt – lebendes Zeugnis für den Glauben an die Auferstehung der Toten. 

Mitte August, sieben Wochen nach dem Siebenschläfertag, werden wir wieder an sie denken, wenn wir, braungebrannt, das hohe Lied der Bauernregeln singen. Oder auch, weil wir gerade über den verregneten Sommer lästern…