Philharmoniker und Prangerschützen: Frauen stehen ihren Mann

[138] OÖN 23. Jänner 2014

Vor 50 Jahren schloss die Amerikanerin Carole Dawn Reinhart als erste Frau an der Wiener Musikhochschule ein Trompetenstudium ab. Sie war so gut, dass ihr Professor bedauerte: “Schade, dass du ein Mädchen bist.“ Erst seit 1997 dürfen Frauen bei den Wiener Philharmonikern mitspielen.  2008 nahm die Spanische Hofreitschule erstmals in ihrer jahrhundertelangen Geschichte zwei Frauen als Lipizzaner-Bereiter auf. Auf diese stolze Zahl haben es auch Oberösterreichs Prangerschützen gebracht: Eine schießt in Vöcklamarkt, eine in Molln.
Die übrigen Vereine werden von Landesverbandsobmann Franz Huber ermuntert, den „Aufstieg“ von der Marketenderin zur Schützin zuzulassen: „Wir müssen uns für die ganze Familie öffnen. Prangerschießen ist ja ein altes Lärmbrauchtum und nichts Kriegerisches!“ 
In vielen Bereichen der Volkskultur sind Frauen längst akzeptiert. Ist der Abschied von der Männerdomäne bereits vollzogen?
Mitte der fünfziger Jahre herrschte große Aufregung in Haslach an der Mühl: Zwei Mädchen bei der Blasmusik, bis auf die Schultern herabwallendes Haar unter Uniformkappen – unerhört! Darüber konnte man sich damals herzhaft erregen. Heute spielen tausende Frauen in den 480 oö. Orchestern, Dutzende stehen als Kapellmeisterinnen „ihren Mann“, und als Stabführer wurde so mancher ältere Mann von einer jungen Frau abgelöst. Frauen bewähren sich beim Jagdhornblasen und beim Schuhplatteln, als Glöcklerinnen und einige wenige sogar als Vogelfängerinnen. Umgekehrt sind Männer wie Komponist Alfred Peschek und Maler Hubert Muthspiel willkommene Mitglieder der Linzer Goldhaubengruppe.

Die Erstarrung traditioneller Geschlechterrollen hat sich gelöst. Das wirkt bis tief hinein in die Volkskultur, sie muss mitvollziehen, was sich in der Gesellschaft verändert. Nur wenn sie die unterschiedlichen Talente – ob von Männern oder Frauen – erkennt, fördert und nutzt,  wird sie weiterleben. Mit ihrem erstarkten Selbstbewusstsein haben es die Frauen nicht nötig, in der Kultur auf eine Quote zu pochen.

Alfred Peschek mit Goldhaube.  Foto KH