Puristen sterben im Hoamatland aus

[73] OÖN 20. September 2012

Zum 10. Fest der Volkskultur in Kopfing

Berührungsängste sind tabu, Scheuklappenträger werden geächtet, Puristen sterben aus. Die oö. Volkskultur hat sich seit den achtziger, neunziger Jahren so stark verändert und weiterentwickelt, dass es „reinen“ Traditionalisten den Gamsbart vom Hut gerissen hat. Blasmusiker spielen auch Klassik, Jazz und Pop, experimentelle Fotografie ist längst anerkannt, Elemente bodenständiger Tracht werden mit Jeans kombiniert und Lederhosen mit bunten Hemden, viele Mundartdichter pfeifen auf den Reim, sogar die E-Gitarre hat Zugang zur Volksmusik gefunden. Weitblickende Führungskräfte bestärken ihren Nachwuchs dabei, viele „Alte“ schmunzeln anerkennend zu so manchen Auswüchsen der Innovation, denn sie wissen: Nur das Gute setzt sich durch, Mist wird bald vergessen und schadet deshalb nicht.

Das 10. Fest der Volkskultur, von Freitag bis Sonntag dieser Woche in der Sauwaldgemeinde Kopfing im Innkreis, wird wieder zeigen, wohin der Weg unserer bodenständigen Kultur führt. Die Idee zu dieser Veranstaltungsserie verdanken wir dem ebenso traditionsbewussten wie aufgeschlossenen Kulturdenker Hans Samhaber. Der langjährige Forum-Volkskultur-Präsident erfand das gemeinsame Fest aller Verbände und startete den ersten Versuchsballon 1995 in St. Marienkirchen am Hausruck, wo er sich als Schuldirektor und „Funktionär für eh fast alles“ auf die Mitwirkung und Unterstützung des ganzen Ortes verlassen konnte. Im Jahr darauf richtete St. Marienkirchen das Fest nochmals aus, dann wurde der mittlerweile bewährte Zwei-Jahres-Rhythmus beschlossen. Es folgten Feste in Laussa, Wallern, Hirschbach, Andorf, Steinhaus bei Wels, Bad Goisern und zuletzt Kirchberg ob der Donau. Samhabers Nachfolger als Forumspräsident, Herbert Scheiböck, konnte bereits ankündigen: Nach Kopfing kommt mit Herzogsdorf 2014 wieder eine kleine Mühlviertler Gemeinde zum Zug, für 2016 hat sich mit Kirchdorf an der Krems erstmals eine Stadt als Austragungsort beworben.

Vielfalt statt Einfalt

Bei diesem dreitägigen Fest feiert die Volkskultur sich selbst. Die enorme Breitenwirkung war anfangs nicht abzuschätzen. Was als gemeinsames Feiern unterschiedlicher Kulturträger begann, hat sich zum Ereignis gemausert, das Tausende Menschen anzieht, Mitwirkende und Besucher, Stammgäste aus allen österreichischen Bundesländern, aus Deutschland und Tschechien ebenso wie Neugierige, die sich erstmals vom bunten Treiben mitreißen lassen. Dabei zeigt sich, wie unglaublich viele Menschen sich zur Tracht bekennen. „Es gibt koa Gwand, des d’ da net siahgst“, wunderte sich beim Fest in Kirchberg ein Ordensmann, der selbst in Jeans und T-Shirt gleichsam inkognito angereist war. Deshalb zieht es auch so viele Junge zum Fest der Volkskultur: Vielfalt statt Einfalt, zeitgemäße Entwicklung anstelle krampfhaften Festhaltens am Althergebrachten.

Auch das ist Volkskultur: Strickjanker und Bauernkrapfen (Foto: Klaus Huber)

Den Alten einheizen

Das “OÖ. Forum Volkskultur” hat sich in den 20 Jahren seines Bestehens als fruchtbares Sammelbecken erwiesen, in dem Sänger und Musikanten, Schauspieler, Dichter, Tänzer und Trachtler, Landjugend, Denkmalpfleger und Krippenbauer, Fotografen und Filmemacher ihren Platz haben. Nicht weniger als 24 Verbände haben sich zusammengeschlossen, um Brauchtum nicht aussterben zu lassen und neue Strömungen zu fördern. Im “Forum” haben sie alle Platz, von den Bürgergarden und Prangerschützen bis zur jungen, von der Rhythmik unserer Zeit geprägten „neuen Volksmusik“.

Wohin die Entwicklung führen wird? Konkrete Prognosen sind unmöglich, aber gesichert scheint die Tendenz vom Guten zum Besseren. Wesentlich ist nur, dass die Jungen den Alten kräftig einheizen und dass der einstige Rechtsdrall überwunden bleibt.