Rote Liste schrumpft: Zechen leben wieder auf

[56] OÖN 24. Mai 2012 

Sie waren schon auf der roten Liste gefährdeter Arten, jetzt hat sich ihr Bestand erholt und sie vermehren sich wieder. Von einer endemischen Spezies des Innviertels ist hier die Rede: Die Zechen leben wieder auf. Im Frühjahr rücken diese Bewahrer des Brauchtums verstärkt ins Bewusstsein, beim Maibaum-Aufstellen etwa und bei ländlichen Festen. Wer sonst sollte als Höhepunkt den Innviertler Landler tanzen?
Da konnten beim Festabend des Stelzhamermuseums in Pramet noch so viele Redner, Musikanten und Rezitatoren auftreten – erst der Landler der Piesenhamer Zeche ließ den Saal beben. „A Zech? Des is oafach a Zech“, war einst die unvergessliche Begriffserklärung, als ich ahnungsloser Mühlviertler, der „das Zechen“ kannte, „die Zechen“ jedoch nicht, Innviertler Volkskultur zu begreifen versuchte. Das gab es bei uns nicht: Eine bäuerliche Burschenschaft mit strengen Regeln, die Gemeinschaft der unverheirateten Männer eines Ortes.
Ihren Chef, den Zechmeister, mussten Fremde fragen, ob sie mit „Zechmendschern“ tanzen durften. Taten sie das nicht, entwickelte sich unweigerlich der Zusammenhalt fördernde Gruppensport des Raufens mit Tetsch’n als Erziehungsmittel unter Erwachsenen. In Wirtshäusern mit Tanzsälen im oberen Stockwerk flog dabei so mancher über die Stiege. Wer noch konnte, raufte unten weiter. Volkskultur-Doyen Hans Samhaber erzählt „eine herrliche Geschichte: Eine solche Massenrauferei verlagerte sich einmal bis hinaus auf den Kirchenplatz. Als das Gebetläuten einsetzte, hielten alle still, nahmen den Hut ab und beteten den ‚Engel des Herrn‘. Dann setzten sie die Hüte auf und rauften weiter.“
In Deutschland kannte man „Zeche“ als Bezeichnung für mehrere Personen, die gemeinsam ein Bergwerk betrieben. Mit gleichzeitiger Geldeinlage mussten sie „die Zeche bezahlen“. Dieses „Zechen“ konnte sich, wie eine Sparvereinsauszahlung, zum Besäufnis entwickeln. So hat sich das „Zechen“ vom Gemeinschaftserlebnis abgekoppelt. „I bin a stiller Zecher“, sang Hermann Leopoldi: „Wann i auf d’ Nacht zum Wein geh, hat G’sellschaft gar kein’ Zweck, denn wann i ganz allein geh, sauft keiner mir was weg“.
Wenn er nicht aufs Bezahlen vergisst und damit „die Zeche prellt“, hat kein Wirt etwas dagegen.