Rudentanz: Vierstimmige Hatz und Hetz

[143] OÖN 27. Februar 2014

„Die Gstanzln dienen als moralisches Korrektiv“, befand die österreichische UNESCO-Kommission und nahm den Sierninger Rudentanz in die Liste ihrer „Immateriellen Kulturgüter“ in der Kategorie Darstellende Künste auf.

Was bekannten Landsleuten im abgelaufenen Jahr passierte, welche Schnitzer sie sich leisteten, womit sie die Allgemeinheit erheiterten oder verärgerten, wird von routinierten Gstanzl-Schreibern in Verse gepresst und von „Ruden“ am Faschingdienstag öffentlich vorgetragen. Tanzlieder mit zwölf achtzeiligen Gstanzln als vierstimmige Hatz auf Prominenz und Hetz für hunderte Zuhörer. Niemand wird verschont, vom Bürgermeister bis zum Bischof – wer in eine Falle des Alltags tappte und sich dabei erwischen ließ, hat ein  Gstanzl verdent. Wer diese gesungen verabreichten Watschn bekommt, kann darauf sogar noch stolz sein. So mancher muss zwar sehr viel Spaß verstehen, wenn er auf diesen Pranger gestellt wird und dafür auch noch einen Umtrunk zu spendieren hat.

Andererseits ist es wie beim bayrischen (und von Walter Egger ins Innviertel importierten) „Derblecka“: Ein veritables Hoppala geliefert zu haben und trotzdem beim Rudentanz nicht angesungen zu werden, wäre das Schlimmste, ein Indiz für mangelnde Bedeutung in der Gesellschaft – ein Tiefschlag für die Wichtigen, Schönen und nach Erfolg Gierenden.

Der Rudenkirtag von Sierning, eine Urform heutiger Faschingssitzungen, hat Tradition seit 1732. Damals trafen die Ruden – ein alter Begriff für Rotte oder Schar – erstmals zusammen, um ihre Mitbürger mit Volksmusik und Landlertanz zu unterhalten und dabei bissig-spöttische Gstanzln vorzutragen.

Zwei Tanzherren, die bunte Blumenbuschen und weiße Ehrenschleifen am Hut tragen, leiten das heitere Geschehen. Auf zwei Tanzböden treten etwa ein Dutzend Ruden aus Sierning und umliegenden Gemeinden auf. Zu Mittag wechseln die Ruden, damit die Besucher sitzen bleiben und doch alle Gruppen miterleben können.

Info: Rudenkirtag Sierning, Di, 4.3.: 9 Uhr Festmesse mit Rudengesang, 10 – 16 Uhr Rudentanz Pfarrheim und Forsthof, 12 Uhr Lokalwechsel; 9 – 18 Uhr Rudenkirtag im Ort.

Beispiel: Rudenkirtag-Gstanzl von Christine Kaltenböck

Da … Heinz hat a Gfrett,
findt jahrelang koa Weiberl net,
endlih hats eahm doh nuh gratn
und hiazt siachstn zuwibratn!
Sei Frau Lehrer bringt eahm schon
bei, was er halt net so kann,
hiazt woaß er scho gwiß,
wanns zan Wochateiln is.

Unsre Gstanzl san gar,
sehgn uns wieder aufs Jahr!
Musikantn, ös Batzer,
auf de Fiedln Umkratzer,
ziahgn ma denna in Huat,
spülts fürn Kirda lang guat,
miassts unser Goschn vatragn
und derfts uns net amal klagn!