Schiedsrichter und Juroren: Ihr Spruch fördert oder hemmt Karrieren

[126] OÖN 24. Oktober 2013

Das Runde muss in das Eckige. So einfach erklärte Sepp Herberger, deutscher Teamchef 1936 bis 1964, den Endzweck des Fußballspiels. Auf welchem Weg der Ball ins Ziel zu gelangen hat, nämlich über die Torlinie, erwähnte er nicht, das hielt er für selbstverständlich.
Jetzt rutschte bei einem Bundesligaspiel das Runde aber durch das kaputte Seitennetz ins Eckige – der Schiedsrichter entschied trotzdem auf Tor. Mit einem anderen Schiedsrichter wäre das Match anders ausgegangen.
So kann es überall zugehen, wo Sieger nicht mit Maßband oder Stoppuhr ermittelt werden, auch bei Wettbewerben in der Volkskultur. Jede Jury kommt zu einem anderen Ergebnis. Deshalb freue sich, wer einen Spitzenplatz belegt; wer leer ausgeht, zweifle nicht an sich selbst, noch verdamme er die Jury. Es gibt keine Ermessensentscheidung, mit der alle einverstanden sind.
Aus 120 Mundartgedichten die Besten herauszufiltern, wie zuletzt beim Wettbewerb um den Franz-Hönig-Preis, wandelt sich von Lesevergnügen zu intensiver Arbeit. Jeder Juror findet rasch „sein“ Häufchen preiswürdiger Gedichte. Dann gilt es jedoch, sich mit den Jurykollegen zu einigen. Objektive Kriterien wie Metrik, Reim können nicht allein entscheiden, das Wesentliche ist kaum fassbar. Das spürte auch Alfred Nobel, als er wenig griffig formulierte, wer seinen Preis für Literatur bekommen sollte: jener Dichter, der „das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat“.
Neben dem Franz-Hönig-Preis für Gedichte hat der Stelzhamerbund einen Wettbewerb für Kurzgeschichten ausgeschrieben. Dieser bescherte den Juroren einen Berg Sommerlektüre, 98 Texte in verschiedenen Dialekten, bis zu sprachlichen Herausforderungen aus Tiroler und Vorarlberger Gebirgstälern. Zu Beginn ihrer Beratungen fragten sich die Juroren zweifelnd: Wie sollen wir zu einem gemeinsamen Ergebnis finden? Dann ereignete sich Unglaubliches: Zwei der drei Juroren hatten dieselben Geschichten auf die ersten drei Ränge gereiht! Keine Jurysitzung kann harmonischer verlaufen.
Trotzdem: Eine andere Jury hätte vielleicht anders entschieden und damit andere Autoren ins Licht gestellt. So können Juroren, meist anonym und unbedankt, Karrieren fördern – oder im Keim ersticken.

info: Festabend „Franz-Stelzhamer-Preis“ für Kurzgeschichten, Dienstag, 5.11., 19 Uhr, Festsaal OÖ. Direktion Kultur, Linz, Promenade 37.-

Bild: Siegerpreis Franz-Stelzhamer-Büste des Innviertler Schnitzkünstlers Peter Wimmer. Foto: Huber