Schlifitzn, schluwitzn: Vom Überleben verwandter Wörter

[24] OÖN 21. April 2011

Noch einmal erzähle ich von den Nachkommen der 1775 nach Galizien (heute Ukraine und Rumänien) ausgewanderten Holzarbeiterfamilien aus dem Salzkammergut.
Die alte Ukrainerin, mindestens 70, war noch nie jemandem aus einem deutschsprachigen Land begegnet. Doch als ich sie russisch ansprach, um nach einer Straße zu fragen, antwortete sie deutsch: „Des Auto is aus Österreich! Kemmts ös aus unsara Urhoamat?“ Über mehr als 200 Jahre hinweg hatte Generation um Generation die Salzkammergut-Mundart der Zeit Maria Theresias weitergegeben, aber kein Hochdeutsch. Die Frau lud uns ein: „Kemmts mit hoam zu mir und vazählts, van Goisern und Ebnsee. An Tee kann i eich machn und z’essn hamma Hasnöhrl, wissts schon, was des is?“ Hasnöhrl! Ein Gruß aus Urgroßmutters Küche, serviert in einem Karpatendorf.

Ähnliches erlebten wir im nordrumänischen Wassertal, wohin ein Teil der Auswanderer von 1775 umgeleitet worden war. Die Nachfahren der in den äußersten Osten der Monarchie verpflanzten Altösterreicher waren dort immer eine verschwindend kleine Minderheit, haben dennoch die Mundart ihrer Ahnen bewahrt. Jede Generation erbte die alten Geschichten, schmückte sie aus und ließ Einflüsse anderer Kulturen hineinschmelzen. So gesellten sich ruthenische (slawische) und rumänische Sagenfiguren zu den Salzkammergut-Traditionen.
Diesen faszinierenden Reichtum an Erzählungen hat der im Wassertal-Hauptort Oberwischau geborene Volkskundler Dr. Anton-Joseph Ilk, jetzt Pfarrer von Alkoven im Bezirk Eferding, gesammelt und aufgearbeitet. Sein Buch „Die mythische Erzählwelt des Wassertales“  ist wissenschaftlich fundiert und – Verzeihung: trotzdem – unterhaltsamer, ja spannender Lesestoff. Der Autor lässt Wåldweibl und Trikulítsch (Werwolf), Fåschingmänner, Wildfrau und Pestmutter, Wichtelmännlein und „Wildi Jåcht“ durch sein Buch toben und stellt sie den entsprechenden Gestalten in der überlieferten alpenländischen Sagenwelt gegenüber.

Als verblüffendes Element beschert uns Toni Ilk außerdem sprachliche Parallelen zwischen damals und heute, zwischen Wassertal und Oberösterreich. Wir gingen als Kinder gerne aufs Eis „schlifitzen“, im Wassertal heißt dieses Vergnügen „schluwitzn“. Zwei Vokabel aus derselben Familie, nicht gleich wie Zwillingsbrüder, doch ähnlich wie Cousins. So gibt dieses Buch auch Zeugnis vom Überleben vieler alter Wörter im fremdsprachigen Umfeld. Fast 400 Seiten geballtes Wissen, stilsicher aufbereitet, purer Lesegenuss.

BUCHTIPP: Anton-Joseph Ilk, „Die mythische Erzählwelt des Wassertales – Rolle und Funktion phantastischer Wesen im Leben der altösterreichischen Holzknechte, dargestellt in ihren mündlich überlieferten Erzählungen aus den Waldkarpaten“, herausgegeben vom OÖ.  Adalbert-Stifter-Institut (Schriften zur Literatur und Sprache in Oberösterreich, Band 15).  ISBN 978-3-900424-86-2. € 19,80.