Sie werden ein blaues Wunder erleben!

[52] OÖN 26. April 2012 

Wer darf während der Arbeitszeit ins Wirtshaus gehen? Welcher Chef lässt seine Arbeiter gern etwas über den Durst trinken? Derart saloppe Gepflogenheiten werden dem früher bedeutenden Berufsstand der Färber nachgesagt. Den Funken Wahrheit darin enthüllt der Volksmund. Der Beruf ist fast ausgestorben, doch sein Fachjargon lebt weiter und bereichert die Mundart. Um beide Kulturformen, das Färben und die Sprachpflege, nahmen sich die Gutauer Brüder Zötl an: Josef war der wichtigste Färbermeister, Hans gründete den Stelzhamerbund. Zötls gesammelte Sprüche sind Teil unserer Alltagssprache geworden.

Ausgerechnet einem gelb blühenden Kreuzblütler, dem rapsähnlichen Färberwaid, verdanken wir das „Blauzeug“. Die Pflanze wird zerquetscht, mit Urin befeuchtet und vergoren. So entsteht Indigo – und das Wunder nimmt seinen Lauf. Wasser wird mit Indigo versetzt. Taucht man weißes Leinen hinein, kommt es gelb heraus. Nach einiger Zeit schlägt die Farbe neuerlich um, der Stoff wird zuerst grün und dann blau. Das alles ohne weiteres Zutun der Menschen, die so „ihr blaues Wunder erleben“. Dieser Oxidationsprozess kann durch raschere Sauerstoffzufuhr beschleunigt werden. Deshalb dreschen die Färber mit Stöcken auf das Leinen, so wird es „grün und blau geschlagen“.
Gefärbt wurde immer am Montag. Während der wundersame Färbeprozess ablief, gab es stundenlange Wartezeiten – Zeit fürs Wirtshaus. „Die Färber machen blau“, hieß es. Das war kein Vorwurf der Faulheit. Am „blauen Montag“ gehörte das Warten, bis der Stoff blau wurde, zu ihrer Arbeit.  Und das emsige Durstlöschen förderte sogar die Qualität ihrer Produkte. Für die Herstellung von Indigo aus Färberwaid wurde schließlich sehr viel Urin benötigt.

Ein weiterer Ausdruck aus der Färbersprache ist, wörtlich genommen,  eine Morddrohung: „Ich werde ihn in die Mangel nehmen“. Tun Sie das keinem Menschen an! Europas letzte funktionierende Großmangel im Färbermuseum Gutau liefert die Erklärung: Mit 12 Tonnen Granitsteinen beschwert, wird die Mangel über Leinen gewalzt. So wird der Stoff geglättet und erhält seinen seidigen Glanz.

TIPP: Das OÖN-Magazin am Samstag, 5. Mai widmet sich dem Thema Blaudruck. Am 6. Mai lädt Gutau wieder zum Färbermarkt.