Slam-Master als Saaldiktator beim Wettstreit der Bühnendichter

[121] OÖN 19. September 2013

Manche Dichterlesung ist einfach fad. Weil die sprachliche Würze fehlt und/oder weil der Text emotionslos, eintönig vorgelesen wird.
Mein als Sitzschläfer berüchtigter Kollege bedankt sich in solchen Fällen für den ungestörten Aufenthalt im warmen Saal. Derart beschauliche Ruhe wird ihm beim „Poetry Slam“ nicht geboten. Dichterwettstreit, Literatur als Wettbewerbsdisziplin, das ist kurzweilig und spannend. Besonderer Anreiz für die Autoren: Nirgendwo sonst erleben sie so unmittelbar, wie ihre Texte beim Publikum ankommen.

Zu Herbstbeginn setzen sich Oberösterreichs Poetry Slammer wieder in Szene: am 26. September beim Verein „PostSkriptum“ in der Solaris-Bar am Linzer OK-Platz, am 2. Oktober beim Mundart-Poetry-Slam im Kultur-Zeughaus Perg. Das verdankt die selbst ernannte „Lesestadt“ ihrem Marketing-Geschäftsführer Günter Kowatschek, der aus Schwechat stammt, in Ennsdorf lebt und in Perg seine Kreativität auslebt. Im Literaturkreis PromOtheus* begann er selbst mit Prosa-Geschichten, in der Stelzhamerbund-Gruppe „neue mundart“ fand er zur Lyrik. In Perg übernimmt er als Slam-Master die Rolle des Schiedsrichters oder Streitschlichters. „Da bin ich Saaldiktator“, schmunzelt der Regelkundige, „der Slam-Master führt durch den Abend und hat immer recht”.
Zuerst wird aus dem Publikum eine fünfköpfige Jury gewählt. Die Juroren bleiben an ihren Tischen sitzen, so spüren sie, wie die Zuhörer auf die höchstens fünf Minuten dauernden Auftritte der Bühnendichter reagieren. Dann bewerten sie nicht nur die Qualität der Texte, sondern auch des Vortrags. Die vier Besten bestreiten mit neuen Texten das Finale, dann wird der Sieger gekürt. Beim Poetry Slam entscheiden also nicht „Fachleute“, sondern die Zuhörer.
Im Vorjahr lagen nach der Jurywertung Anna Schrems, in Wien lebende Innviertlerin,  und Leopold Schöllhuber aus Wilhering punktegleich voran. Die „Applaus-Battle“ entschied schließlich für Schrems. Dieses Votum verblüffte viele, bewies es doch, dass die Zuhörer keineswegs nur Lustiges honorieren. Anna Schrems gewann mit einem ernsten Text. Letztlich zählt die Qualität, ist die Stimmung beim Poetry Slam auch noch so emotional und ausgelassen. Auch dazu kann Literatur verführen.