Smoking, Festtracht und auch nackte Knie

[42] OÖN 19. Jänner 2012

Smoking, Festtracht und auch nackte Knie Mit dem Ausspruch „Mühlviertler derfatn eigentlich koan Innviertler Landler tanzn!“ schaffte es eine hoanbuachane Innviertlerin vor einigen Jahren, Lernbegierige vom Volkstanz abzuhalten. Ihre eigene Beherrschung des Landlers war unbestritten; ihre pädagogische Inkompetenz auch. Wer sogar intern solche Schranken aufbaut, braucht sich über abschätziges Urteil von außen nicht zu wundern. Doch die Zeit ist über solche Einstellungen hinweggegangen, manches ändert sich also doch zum Besseren.  Der Volkstanz ist aus seinem Ghetto ausgebrochen. Er hat das gesellschaftliche Abseits wieder verlassen, in das er mit dem Aufbruch der Jugendkultur der sechziger Jahre gedrängt worden war.  Vertreter der traditionellen Volkskultur verhielten sich damals wie mockende Jugendliche, wie Klassenbeste, die weder Fußball spielen noch besonders cool sind und als Streber gemobbt werden. Sie zogen sich zurück und beschworen im Vereinslokal gemeinsam den Kulturverfall.  Nur sie, die Hüter der alten Wahrheiten, hatten recht, die Jungen wussten nichts und konnten nichts…
So vergeudeten sie mehr als ein Vierteljahrhundert im Schmollwinkel, bis die Kraft, die in der gewachsenen Volkskultur steckt, neue Ideen sprießen ließ und wohltuend freche Jüngere hervorbrachte, die das Erbe weiter entwickelten. Musikanten, Sänger, Tänzer – sie alle tauchten auf, durchwegs hervorragend ausgebildet, mit frischem Selbstbewusstsein ausgestattet. In den siebziger Jahren hätten sich die meisten Jungen geschämt, wenn sie Volksmusik gespielt und Tracht getragen hätten; die nächste Generation kennt solche Scheu nicht mehr. 
Der wichtigste Schritt zur gesellschaftlichen Anerkennung ist den Heimat- und Trachtenvereinen mit der Schwerpunktaktion „Oberösterreich tanzt“ gelungen. 2005 nahmen mehrere Tanzschulen den Volkstanz in ihr Angebot auf, begannen Gesellschafts- und Volkstanz parallel zu unterrichten. So schürten sie bei vielen Jugendlichen die Lust an der Polka und am Boarischen, am Zwiefachen und am Landler.
Übermorgen, Samstag lockt der „Ball der Oberösterreicher“ wieder Tausende Landsleute ins Wiener Austria Center. Der 1885 gegründete „Verein der Oberösterreicher in Wien“ hat diesen Ball zu Österreichs größtem Trachtenball entwickelt. Abendkleidung ist erlaubt, Tracht erwünscht. Smoking und große Robe, festliches Dirndl und Trachtenanzug fügen sich zum imposanten Gesamtbild zusammen.
Wie bei jedem Ball werden wieder im warmen Sakko steckende Herren ihre Partnerinnen ob deren luftiger Kleidung beneiden (und freie Schultern bewundern). Ihnen sei gesagt: Nicht jammern, sondern umziehen! Denn beim Trachtenball sind die Damen im Dirndl festgezurrt, während sich die Herren sogar kurze Lederhose und damit nackte Knie erlauben dürfen.  

INFO: Nächstes Seminar für Volkstänzer und Volkstanzmusikanten am 24./25. März in Geboltskirchen. Anmeldung: Tel. 0732/781166, buero@landesverband-ooe.at, www.landesverband-ooe.at.