Sommerloch. Volkskultur in den Hundstagen.

[5] OÖN 22. Juli 2010

 Das überlieferte Brauchtum scheut die „Hundstage“ 23. Juli bis 24. August. In diesem Zeitraum geht im Sternbild Großer Hund der Sirius (Bild: NASA) als hellster Stern auf. Ihm schrieb der alte Volksglaube so bösen Einfluss zu, dass ausgerechnet im Hochsommer davor gewarnt wurde, im Freien zu baden! Da früher kaum jemand gut schwimmen konnte, waren wohl schon allzu viele Menschen in Flüssen und Seen ertrunken.

Kaum erklärbar ist dagegen die Warnung vor Eheschließungen in diesem Zeitraum. Beeinträchtigt der Große Hund etwa auch die Urteilskraft bei der Partnerwahl? (Ich Glücklicher hab’s gerade noch am 20. Juli geschafft; haarscharf vorbeigeschrammt.)

Sirius, du bist an allem schuld: an Hitze, Badeunfällen und schlechten Ehen, an verbrannter Erde und sicher auch am Sommerloch. Denn jetzt, da die Schulschlussparty langsam in Vergessenheit gerät und im Frühverkehr der Stau entfällt, tut es sich gähnend auf. Der sonst randvolle Volkskultur-Terminkalender ist Ende Juli sehr leicht überschaubar:

Haslachs Webermarkt lockt am Wochenende die Liebhaber alten Handwerks an die Mühl, Aspach und Aurach am Hongar feiern Volksmusikfeste, in Mönchdorf treffen sich die Arien- und Weisenbläser. Was aber treiben die anderen? Sind sie alle auf Urlaubsreisen unterwegs, die Trachtler, Tänzer, Dichter, Sänger, Schützen und Konsorten?

Nein. Viele arbeiten. Sie verkriechen sich in kühlen Winkeln, planen und organisieren, entwerfen Programme für Spätsommer und Herbst. Ein paar meiner Volkskultur-Vertrauten haben mir von ihren Hundstage-Beschäftigungen erzählt; ich verrate sie in einer Reihenfolge mit ansteigendem Verrücktheitsgrad:

  • Karl recherchiert Bauernregeln und Wetterdeutungen verschiedener Länder, bringt sie auf einen Nenner, formuliert gemeinsame Aussagen.
  • Walter überträgt die hochdeutsche Übersetzung russischer Gedichte in oberösterreichische Mundart.
  • Rudi sucht einen musikbegeisterten Tischler, der für ihn ein Instrument baut, wie ich es ihm beschrieben habe: eine Kreuzung aus Violine und Drehleier.  Mit seiner „Drehgeige“ hat mich ein lustiger Pilsener beeindruckt. Mit der linken Hand greift er wie auf der Geige, statt eines Bogens streicht jedoch das Leierrad über die Saiten. Der Musikant hält sein Instrument in Hüfthöhe, nicht ans Kinn, und singt dazu.
  • Josef sitzt im verdunkelten Arbeitszimmer. Jalousien geschlossen. Dezemberstimmung mit Weihnachtsliedern vom CD-Player. Denn er schreibt Adventgedichte.

Josef schwelgt also in Kerzerlatmosphäre, Walter überlegt, wie волна (russ. Welle) in unserer Mundart zu schreiben ist und entscheidet sich für Wään, Rudi pilgert mit Drehgeigenskizze zum nächsten Holzkünstler. Nur Karl kann schon Ergebnisse vorlegen, zum Beispiel für diese Kalenderwoche, denn am Sonntag, 25. Juli ist Jakobitag:

Drei Tage vor Jakobi Regen
bringt keinen guten Erntesegen,
doch gut sind die Gewitterschauer,
wenn sie nur sind von kurzer Dauer.

Oder:

Jakobus in seiner hellen Gestalt
macht den Jänner uns zu kalt.

Der Sonntag wird bestimmt sehr warm, dann gibt’s also an g’scheitn Winter. Der Spruch „Heißer Juli verheißt guten Wein“ stimmt uns alle zufrieden. Und dass sardische Bergbauern den Juli „Plagemonat“ nennen, begreifen wir auch.

Doch ein Rat, den unsere Altvorderen, die französische Weisheit „Juillet et août ni femme ni choux“ übersetzend, hinterlassen haben, gibt Rätsel auf:

Im Juli und August
hüte dich vor Frauenlust.

Warum?

Schönen Sommer!