Sotschi: Hoamatgsang und Eiseskälte in der subtropischen Olympiastadt

[140] OÖN 6. Februar 2014

Die Olympischen Spiele in Sotschi sind Anlass für Erinnerungen an kulturelle Annäherungen vor fast 40 Jahren.

Eine Handvoll österreichischer Studenten belegte 1976 und 1977 Russisch-Intensivkurse an der Sommeruniversität Sotschi. Moskauer Uni-Professorinnen, in der Sowjetunion sehr schlecht bezahlt, durften dort im Urlaub etwas dazuverdienen. Natürlich bekamen nur „politisch Zuverlässige“ diese Möglichkeit zu engem Kontakt mit Ausländern aus dem Westen. Täglich fünf Unterrichtseinheiten, dann ungezwungene Freizeitgestaltung nachmittags und abends – das bot die Chance, abseits vom akademischen Betrieb auch in die Alltagssprache einzutauchen.

Singen galt als wichtiges methodisches Instrument beim Spracherwerb, Aussprache und Betonung der einzelnen Wörter prägen sich dabei für immer ein. So saßen wir in Parks oder am Meeresstrand und sangen russische Lieder, anfangs widerwillig, schließlich waren wir in der Beatles- und Stones-Ära aufgewachsen und hätten uns daheim strikt geweigert, etwa „Am Brunnen vor dem Tore“ zu singen. Hier jedoch entdeckten wir die Freude an „Abendglocken“, „Stenka Rasin“ und sogar „Kalinka“ – ein Verdienst beharrlicher Lehrkräfte und russischer Wässerchen (voda heißt Wasser, die Verkleinerungsform lautet vodka). Als wir einen deutschen Text zur weltbekannten Melodie „Moskauer Nächte“ schreiben sollten, stellte sich heraus, dass es im Dialekt bei weitem leichter gelingt, den richtigen Rhythmus zu treffen. Bald darauf sangen Russen mit uns „’s Hoamatgsang“ in ihrer Sprache.

Sotschi war damals im Westen unbekannt, für Russen dagegen seit Jahrzehnten der beliebteste Kurort am Schwarzen Meer. Von Zar Nikolaus II. bis Stalin und Putin – wer es sich leisten kann, hat einen Landsitz in Sotschi. Das Stadtgebiet erstreckt sich fast 150 km weit entlang der Schwarzmeerküste, sogar das wichtigste russische Tee-Anbaugebiet gehört dazu. Einmal fotografierte ich dort ein auffällig schönes Haus – das Polizeihauptquartier, und wurde deshalb „angehalten“. Der Ton, in dem sowjetische Kapplträger mit mir sprachen, versprühte Eiseskälte. So gesehen war die Idee, Olympische Winterspiele an eine Stadt mit subtropischem Klima zu vergeben, gar nicht so abwegig. Frostig ist es nicht nur weiter oben, im nahen Kaukasus.