Sozialpionier, Musikant, Dichter – der Don Camillo des Mühlviertels

[112] OÖN 1. August 2013

Wer liebt sie nicht, Guareschis literarische Figur des Don Camillo: Ein schlitzohriger Priester im ständigen Dialog mit dem Herrn, dessen Gebote er frei interpretiert, um für seine Schäfchen das Bestmögliche zu erreichen – allerdings auch ein Selbstdarsteller, den das Schicksal überall hinstellen darf, nur nicht ins Abseits.
Vor 100 Jahren starb sein Mühlviertler Pendant Norbert Hanrieder. Dieser bedeutendste Mühlviertler Mundartdichter war ein sehr volksnaher Pfarrer von Putzleinsdorf. Gemütlich und streng sei er gewesen, erzählte mir das auch bereits verstorbene Putzleinsdorfer Kultur-Urgestein Franz Höfler. Hanrieder habe seinem Pfarrvolk des Öfteren kräftig die Leviten gelesen. Einmal unterbrach er plötzlich einen Gottesdienst, bat die Gläubigen zu warten – „die heilige Messe wird gleich fortgesetzt“ –  und zog feierlich, mit den Ministranten im Gefolge, auf den Marktplatz hinaus, um dort die Messe schwänzende Männer zu segnen. Ob er sie zu seiner Predigt in die Kirche hineintrieb, ist nicht belegt. Jedenfalls wissen wir jetzt, was es bedeutet, jemanden „abzukanzeln“.
Wie Don Camillo war Hanrieder stets um die Lösung sozialer Probleme bemüht. Er verstand es, seine Mitmenschen musizierend zu unterhalten. Damit gewann er ihr Vertrauen, so dass sie schließlich seine im 19. Jahrhundert unerhörten Pioniergedanken akzeptierten. Hanrieder überzeugte Bauern vom Sinn mancher Grundzusammenlegungen, er motivierte die Grundbesitzer, Wendepflüge anzuschaffen und veredeltes Saatgut einzusetzen. Unschuldig in Not Geratenen half er mit größeren Geldbeträgen aus, damit sie ihr Sacherl nicht verkaufen mussten.
Norbert Hanrieder wurde am 2. Juni 1842 in Kollerschlag geboren. Schon am Gymnasium in Linz zeigte sich seine sprachliche Begabung, er verfasste sogar die Deutsch-Maturaarbeit in Gedichtform, lesen wir auf der Homepage www.hanriedergemeinde.eduhi.at. Nach dem Theologiestudium wurde er Kaplan in Losenstein, Peilstein und Sarleinsbach, fast 40 Jahre lang Pfarrer und Dechant von Putzleinsdorf. Von seiner Heimat schwärmt er in der „Mühlviertler Hymne“:

Ös Leutl van Inn, va dar Enns, va da Traun,
Kemts her da, mir lassn eng ’s Hoamatl schaun.
Ja mei, wird’s aft hoaßn, d’ Roas hat uns net kränkt,
Eng hat ja da Himml was Bsunders da gschenkt.

Norbert Hanrieder starb am 14. Oktober 1913. Mit ihm wäre Don Camillo gerne am Stammtisch gesessen. Das Zwiegespräch der Gleichgesinnten hätte – auch ohne Reibebaum Peppone – befruchtende Würze gehabt.