Spinnen und tratschen – Rockaroas als Zeitvertreib mit Newswert

[90] OÖN 24. Jänner 2013

Warum ich so gern verreise? Auf diese häufig gestellte Frage habe ich eine ehrliche Standardantwort parat: Weil ich so gern heimkehre.

Dieser kleine Dialog aus dem absurden Theater des Lebens lässt erahnen, wie weit der häufig Abwesende umherkommt: sehr weit. Ansonsten würde ein oberösterreichischer Muttersprachler nicht „reisen“ sagen, sondern „fortfahren“, das führt nicht so weit weg, oder – leicht veraltet – „roasn“, das beschreibt einen noch engeren Radius. Denn wer roast, sitzt auf dem Kutschbock auf, erklärte meine Oma, oder er geht zu Fuß. Abzulesen und nachzuempfinden ist diese Reiseweisheit an Wörtern wie Pilgerroas, Adventroas, Kripperlroas, Schmankerlroas, Rockaroas.

Die Rockaroas zählt zum althergebrachten Brauchtum in Oberösterreich und Bayern. An langen Winterabenden, wenn auf Bauernhöfen wenig Arbeit zu erledigen war, kamen Mägde und ledige Mädchen zum gemeinsamen Zeitvertreib zusammen. Dazu brachte jede ihren eigenen Spinnrocken mit, den Stab, von dem die Flachsfasern abgezupft und zum Faden versponnen werden. Als Hauptzweck dieser „Reise mit dem Rocken“, die jedes Mal in ein anderes Haus führte, galt das gemeinsame Spinnen, eine monotone Beschäftigung, die kaum Konzentration erforderte.

Umso intensiver konnten sich die „spinnadn Weiber“ – alter Sprachgebrauch, nicht frech gemeint – dem eigentlichen Sinn ihrer gemeinsamen Abende widmen, dem Austausch von Neuigkeiten, Singen und Lachen, Erzählen und Tratschen. “Woaßt nöt, was schneller geht, Rad oder Weiberg´red!” reimte der bayrische Heimatforscher Max Peinkofer (1891-1963) zur Rockaroas.

Vor allem in Innviertler und Mühlviertler Orten wurde die Tradition der Rockaroas in jüngerer Zeit wieder belebt, meist mit kulinarischer Zusatzattraktion vom Bauernkrapfen bis zum b’soffenen Kapuziner, Handarbeit und Newswert alleine wären doch zu wenig Anreiz. „Wir geben eh zu, dass es uns auch ums Fortkommen von daheim geht, nicht bloß ums Zusammenkommen mit den Freundinnen“, schmunzelt eine der modernen, verheirateten Spinnerinnen, „außerdem zeigen wir einander bei unserer Rockaroas verschiedene Handarbeitstechniken, jede profitiert davon. So entstehen wieder richtige Handarbeitsrunden.“ Und die Männer wissen ihre Frauen bei harmloser Beschäftigung gut aufgehoben, von einander bewacht, so dass keine ausbüxt. Die Weiberleutroas soll ja nicht zur beziehungsgefährdenden Genussroas ausarten.