Theaterautoren und die Kunst der Selbstbeschränkung

[74] OÖN 27. September 2012

Damenhandtaschen und Schubladen zählen zu den kuriosen Verwandtschaften unseres Alltagslebens. Ihre Gemeinsamkeit  liegt im selbst verschuldeten Chaos: Niemand weiß, was sich alles in ihnen verbirgt. Mit Vergnügen erinnere ich mich an unsere Freundin, wie sie den gesamten Inhalt ihrer Handtasche entnervt auf den Gehsteig leerte, da sich der Haustürschlüssel nicht zeigen wollte (ihr Mann hatte ihn eingesteckt). So geht’s auch bei manchen Autoren zu, allerdings in den Untiefen ihrer Schreibtischladen.
Sehr viele Menschen schreiben Geschichten und Gedichte, um Erlebtes zu verarbeiten, andere verfassen sogar Dramen. Manche Stücke hätten vermutlich das Zeug zum großen Wurf, werden aber nie veröffentlicht. Diesen im Geheimen schlummernden wie auch aktuellen, neuen Manuskripten spürt der oö. Amateurtheaterverband nach.  Zur Feier seines 60-jährigen Bestehens hat er einen Wettbewerb für „Mini-Dramen“ ausgeschrieben. Nicht weniger als 38 noch nie aufgeführte Stücke wurden eingereicht, die besten fünf werden am kommenden Sonntag in den Linzer Kammerspielen uraufgeführt. Die einzige Wettbewerbsauflage lag in der Kunst der Selbstbeschränkung: Spieldauer maximal zehn Minuten! Wer das erstmals versucht, wird anfangs entsetzt sein ob der geforderten Kürze von etwa zwei DIN-A4-Seiten.
Bei diesem Höhepunkt des Amateurtheater-Jubiläums wird den Autoren auch die Möglichkeit geboten, selbst zu spielen und/oder Regie zu führen, ihr „Kind“ also selbst auf die Bühne zu bringen. Neulinge machen dabei die anfangs ernüchternde Erfahrung, wie wichtig – und schwierig – es ist, den Text zu verknappen, zu verdichten, bis das ganze Stück im gewünschten Rhythmus atmet. Bei der Inszenierung sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt, freche und innovative Regiekonzepte besonders willkommen. Wer sich das nicht zutraut, kann einen erfahrenen Regisseur beauftragen – und sollte nicht enttäuscht sein, wenn dieser den Rotstift ansetzt, um ganze Blöcke zu streichen.
Die von der Fachjury ausgewählten Siegertexte werden am Sonntag bekannt gegeben und prämiert; der 1. Preis ist mit € 500 dotiert. Auch das Publikum kann abstimmen und einen Preis (€ 400) für die beste Inszenierung vergeben. Dabei wird sich wieder einmal zeigen: Den guten Theatertext zeichnet keine abgehobene Sprache aus, er muss den Zuschauer ansprechen und berühren. So kann dieser Mini-Dramen-Wettbewerb zukunftsweisende Auswirkungen haben, er ist eine Chance für bisher unbekannte Autoren. Denn die zahlreichen Amateurbühnen suchen ständig nach neuen Stücken aus ihrem eigenen Umfeld – die wichtigste Voraussetzung für Publikumserfolg in der Region.