Tracht ist Trend – die neue Lust am Gwand vom Land

[69] OÖN 23. August 2012

Wessen Erinnerung mehr als ein halbes Jahrhundert zurückreicht, der hat nie gedrehte, aber selbst erlebte „Filme“ im Archiv seines Kopfes.
Anfang der fünfziger Jahre tuckern schon einige DKW-Zweitakter und Autos des Typs „Taunus“ mit Weltkugel-Emblem über noch nicht gepflasterte Straßen durch den Ort. Zugeparkt ist der Marktplatz aber nur sonntags mit den Kutschen der Bauern, die aus den umliegenden Dörfern zur Kirche gekommen sind. Lieber als zur kurzen Frühmesse gehen die meisten „ins Amt“, das feierliche Hochamt, auch ein gesellschaftliches Ereignis. Deshalb kommt jeder mit sauberster Kutsche und frisch gestriegeltem Pferd. Da stehen sie nun in Reih und Glied – so schön kann ein voller Parkplatz ausschauen. Und es stinkt auch bei weitem natürlicher als wenige Jahre später, nach der automobilen Käferinvasion.
Das Sonntagsgewand der Bauern ist vielleicht „übertragen“, im „guten (Trachten-) Anzug“ kann schon der Vater ausgegangen sein, es hat aber Stil. Die Bäuerin hat ihr „besseres Dirndl angelegt“, und sie geht nicht „barhaupt“, sie trägt ein schwarzes Kopftuch.
Dieser Film wird im Gedächtnis abgespult. So speist sich die Volkskultur gedanklich aus dem Gestern, wenngleich sie, um zu überleben, stets aufs Morgen blicken muss. Die jüngste Entwicklung stimmt optimistisch, das „Gwand vom Land“ erlebt gerade einen ungeahnten Aufschwung. Das bestätigen Trendforscher wie auch persönliche Erlebnisse: Zwei Maturanten, die sich fast immer in Jeans blicken lassen, ziehen ausgerechnet für ein Jugendfestl kurze Lederhosen an. Warum? „Viele Mädchen finden’s sexy.“ Das fördert die neue Lust am alten Gwand. Vor zehn, zwanzig Jahren wären Lederhosenträger gnadenlos ausgelacht worden.
Wohin führt diese Entwicklung? Trachtenpurismus wird ein Lonesome-George-Schicksal erleiden und aussterben. „Trachtige“ Einzelteile mit moderner Alltagskleidung zu kombinieren, ist längst akzeptiert. Das spricht auch Jugendliche an. Und langsam entdecken auch Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen das Praktische an unserer Tracht. Daher meine Prognose: Dirndlkleid und Kopftuch werden wieder zusammenfinden. Allerdings wird das Kopftuch vielleicht aus religiösen Gründen getragen werden.

INFO: Im Rahmen der Weyregger Sommerakademie des Österreichischen Volksliedwerks zum Thema “Körperverhältnisse” wird heute (23.8.) Othmar Schmiderers Film “Stoff der Heimat” gezeigt, Beginn 19.30 Uhr in der Landesmusikschule Seewalchen, anschließend Podiumsdiskussion mit Ulrike Kammerhofer-Aggermann (Leiterin Salzburger Landesinstitut für Volkskunde), Trachtenexpertin Gexi Tostmann und OÖ. Goldhauben-Landesobfrau Martina Pühringer.