Volkskultur und Religion: Die Zeit des Fleisches ist vorbei

[93] OÖN 14. Februar 2013

„Mich stört die ständige Verquickung von Volkskultur und Religion“, schreibt mir ein Leser. Er schätze die vielfältigen Ausprägungen unserer Volkskultur, sei aber selbst nicht religiös und erwarte sich „neutrale Berichte ohne die häufigen Querverweise auf die Religion“.

Um diesen Wunsch zu erfüllen, müssten wir die Entstehungsgeschichte vieler Bräuche ausklammern und schlicht beschreiben, wie sie ausgeübt werden. Manchmal ist das möglich. Am Beispiel des gerade aktuellen Übergangs vom Fasching zur Fastenzeit: Mit dem Anzünden der Faschingsskulptur am Aschermittwoch beendeten die Ebenseer die närrische „fünfte Jahreszeit“. Das „Faschingsverbrennen“ ist natürlich keine religiöse Übung, sondern der auffällig inszenierte, letzte Höhepunkt einer Periode voller Heiterkeit, Lust und Lebensfreude.

Gleichzeitig setzt, nach dem Heringsschmaus als Faschingsabschlussvöllerei, das Fasten ein. Religiös begründetes Brauchtum schiebt der Genusssucht einen Riegel vor. Die Zeit des Fleisches ist vorbei, zügelloses Schlemmen jetzt tabu. So sind die intensivsten Phasen im volkskulturellen Jahreslauf immer an religiöse Anlässe gebunden, Brauchtum und Religion hängen ursächlich zusammen. In allen Kulturen haben sich Bräuche aus religiösen Riten entwickelt – aber nicht alles Religiöse wurzelt im Christentum. Sonnwendfeuer wurden schon entfacht, als unsere Vorfahren noch Naturgottheiten anbeteten, das Lärmen der Perchten hat eine weitaus längere Tradition als Mönchsgesang, das Ausräuchern von Haus und Stall sollte schon Böses fernhalten, bevor diesem Brauch ein christliches Häubchen übergestülpt wurde.

Unsere sehr frühen Vorfahren haben mit ihren religiösen Riten, ob heidnisch oder christlich, einen Großteil des heutigen Brauchtums begründet. Sogar die Idee des Fastens ist viel älter als das Christentum. 400 Jahre vor Jesu 40-tägiger Hungerübung in der Wüste (Mt 4,2) riet Hippokrates von Kos, der berühmteste Arzt der Antike: „Sei mäßig in allem und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arznei.“ Die Fastenzeit als christliche Pflichtübung führten asketisch veranlagte Kirchenväter erst im 4. Jahrhundert nach Christus ein. Sie empfanden Jesu Fasten als nachahmenswert, weil Geist und Körper läuternd.

Wie heuchlerisch ihre Nachfolger dereinst damit umgehen würden – das Konzil von Konstanz (1414–1418) erklärte Biber, Otter, Dachs zu Fisch-Verwandten und damit zu erlaubter Fastenspeise –, diesen Missbrauch der eigenen Regeln konnten sie nicht ahnen.