Volkskulturell Bewegte sind nicht wie Birnbaum und Wacholder

[89] OÖN 17. Jänner 2013

„Kein Mensch ist eine Insel“ schrieb der englische Dichter John Donne vor rund 400 Jahren in seiner „Meditation XVII“. Er sinnierte darin nicht über sein Privatleben als heimlich verheirateter Priester, sondern die Bedeutung jedes einzelnen für die Gesellschaft – eine Hymne an das Miteinander. Doch jeder von uns kennt selbst ernannte Wichtige, die sich selbst genug sind und niemanden brauchen, solange es das Leben gut mit ihnen meint. Doch oft folgt Einsamkeit dem Erfolg. Dann steht der jahrelang hofierte „Herr Präsident“ beim gesellschaftlichen Empfang mit seinem Weinglas verloren umher, der „Herr General“, nicht mehr von Bewunderern umgeben, wirkt seltsam unbekleidet ohne seine Galauniform, der „Frau Direktorin“ ist nur der Zahn der Zeit als treuer Begleiter geblieben. Niemand ist eine Insel?

Im Universum der mehr als 100.000 oö. Volkskultur-Aktivisten tatsächlich nicht. Natürlich ist auch diese riesige Gemeinschaft kein Alles-eitel-Wonne-Klub, das gemeinsame Anliegen wirkt jedoch als verlässlicher sozialer Kitt. Mehr Symbiosen kennt nur die Natur.

Lavendel schützt die daneben wachsende Rose vor Blattläusen, Anemonen verbergen Clownfische vor Fressfeinden, der scharfe Hund bewacht Schafe und Hausbewohner in der Einschicht, und von einer höchst kurios anmutenden Symbiose berichtet ein Bauer im Böhmerwald: Er verordnete seiner Gänseherde die Gesellschaft zweier Ziegen – seither hat ihm der Fuchs keine einzige Gans mehr gestohlen. Meckern sie zu laut, riechen sie zu streng? Keine Ahnung, Hauptsache, es funktioniert.

So sind auch viele volkskulturell Bewegte eng vernetzt in diesem Land. Tierisch gut: Kreative Vögel, bunte Hunde wachsen ungestüm heran und treffen auf besonnene Bewahrer, ohne sie zu verstören. Denn das Wertvolle an der Tradition weiß auch die Twitter-Generation zu schätzen. Wadeln in handgestricken Stutzen, Smartphone in der Lederhose, rasch ein Foto vom neuen Dirndl auf Facebook platziert – und ab geht’s auf den Tanzboden, d’ Musi spielt schon auf. Nachher hinterfragen sie wieder die jüngste Entscheidung des alten Obmanns, und wenn er die Zeichen der Zeit erkannt hat, dann freut er sich darüber. So hat die Vergangenheit auch Zukunft. „Wir sind halt nicht Birnbaum und Wacholder“, sagt ein geschickter Spitzenfunktionär. „Die vertragen sich nicht, neben dem Wacholder geht der Birnbaum ein. Trennt man sie, gedeihen beide. Zum gemeinsamen Wohl.“

So machen die das, auch mit Funktionären. Hauptsache, es funktioniert.