Vom Herzschlag erstarrter Advent-Riten

[14] OÖN 25. November 2010
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Wir mokieren uns gerne über zu früh angesetzte Adventveranstaltungen. Denn der Advent beginnt doch erst am 4. Sonntag vor dem Christtag, heuer also am 28. November. Was so apodiktisch festgestellt wird, ist freilich keine immer und überall gültige Regel. Wieder einmal gibt es mehrere Wahrheiten. Der Advent hat im Laufe der Geschichte verschieden lang gedauert: zwischen einem Tag und sechs Wochen.

Die frühen Christen der ersten drei Jahrhunderte feiern nur Ostern, sie kennen kein Weihnachtsfest und daher auch keinen Advent. Eine Feier „Geburt Jesu“ am 25. Dezember ist erstmals aus dem Jahr 354 in Rom überliefert.
Der Advent-Gedanke taucht Jahrzehnte später in Ravenna auf: Christen sollen sich an einem Sonntag vor Weihnachten auf die Geburt des Erlösers vorbereiten.
In Spanien und Gallien entwickelt sich daraus eine dreiwöchige Vorbereitungszeit auf Weihnachten, geprägt von eifrigem Gottesdienstbesuch und Askese.
Der französische Bischof Perpetuus von Tours verfügt vierwöchiges Adventfasten, beginnend nach dem Martinifest am 11. November.
Rom ist noch eifriger und lässt den Advent sechs Wochen dauern, bis Papst Gregor I. um das Jahr 600 die Kürzung auf vier Sonntage vor dem Christtag verfügt. Die Zahl Vier symbolisiert die 4000 Jahre, die die Menschheit nach kirchlicher Berechnung auf die Ankunft des Erlösers gewartet habe.

Noch dauert es aber fast weitere tausend Jahre, bis die Adventsliturgie von Papst Pius V. im 16. Jahrhundert verpflichtend festgeschrieben wird. Kein aufsässiges gallisches Dorf, sondern ein selbstbewusstes italienisches Erzbistum ignoriert diese Vorgabe konsequent: In Mailand gilt heute noch eine sechswöchige Adventzeit, ab dem ersten Sonntag nach dem Martinstag. In den zu Mailand gehörenden Diözesen hat der heurige Advent daher am 14. November begonnen.
Eine solche Entwicklung lässt fixe Regeln, nach denen sich das Brauchtum gerne richtet, fragwürdig erscheinen. Was als „echt und recht“ anerkannt wird, hängt wohl von der Region und von der Zeit ab, in der man lebt.

Unsere Traditionsfeste sind eng mit dem Kirchenjahr verwoben. Jetzt stehen bald die Festtage der Heiligen Andreas, Barbara, Nikolaus, Lucia bevor, mit denen mannigfaltige Bräuche verbunden sind. Seien es auch bereits erstarrte Riten – sie bedeuten Beständigkeit. So gibt die überlieferte Volkskultur denen, die ihrem Herzschlag folgen, festen Halt in einer sich rasant ändernden Welt.
Für die meisten Menschen in unserem Kulturkreis kann nicht Advent sein, bevor Kathrein heute, 25. November, den Tanz einstellt. Das ist überliefertes Gefühl, dagegen gibt es kein Argument. Anderswo wird es anders empfunden; können wir das respektieren?

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Mit den Partnern OÖNachrichten, Radio OÖ, Bayerischer Rundfunk und OÖ. Institut für Volkskultur gestalten Ihre „Volkskultur mittendrin“-Kolumnisten Sandra Galatz (musikalische Leitung) und Klaus Huber (Texte und Gesamtleitung) am 1. Adventsonntag, 28. November den traditionsreichen „Zipfer Advent“ mit Gesangs- und Instrumentalgruppen aus Oberösterreich, Salzburg und Bayern. Beginn 14.00, 17.00 und 19.30 Uhr im Linzer Brucknerhaus. Info: www.zipfer-advent.at