Vom süßen Flunkern und bitteren Wahrheiten zur Weihnachtszeit

[85] OÖN 20. Dezember 2012

In der bevorstehenden Thomasnacht (20./21. Dezember) wird die „wilde Jagd“ durch unser Land rasen, und morgen tun wir einfach so, als wäre die Welt in dieser Raunacht wieder nicht untergegangen.

Bei einem Besuch in Guatemalas altem Maya-Städtchen Antigua durfte ich Zuversicht tanken, dieses Völkchen glaubt nämlich auch nicht, dass der Kalender der eigenen Vorfahren den Weltuntergang verheißt. Doch nicht im Advent!
Die mehrheitlich christlichen Maya bereiten sich mit „las posadas“ (Herbergssuche) auf den Heiligen Abend vor, sie freuen sich auf „El Niño“ und meinen damit keine Klimakatastrophe, sondern das Christkind, dessen Geburt sie fröhlich feiern, mit Theater, Tanz und Feuerwerk. Geschenke bekommen ihre Kinder nach alter spanischer Tradition am 6. Jänner. Mit Geschenken für das Jesuskind kamen ja bekanntlich erst die Heiligen drei Könige.

Wir dagegen verknüpfen Christi Geburt und das Schenken. Wenn wir artig sind, Lieder singen und Gedichte aufsagen, dann wird uns das Christkind beschenken, wurde uns, beinah erpresserisch, beigebracht. Für uns Kinder war das Christkind eine ewig gültige Wahrheit. Als es im letzten Kindergartenjahr enttarnt wurde – von altklugen Sechsjährigen, nicht von den Eltern –, rutschte das bisher angehimmelte Christkind plötzlich vom hohen Podest herab. Was für eine Enttäuschung!

Warum lassen wir Kinder zuerst das süße Flunkern glauben, um ihnen dann die bittere Wahrheit zuzumuten? Sollten wir das der kindlichen Seele nicht ersparen? Warum bauen wir eine herrliche Scheinwelt auf, wenn sie doch nichts ist als gut gemeinter Schwindel? „Die Geschenke bekommst du von deinen Eltern“ bedeutet für Kinder: Es gibt kein Christkind.
Dabei sollen sich doch alle freuen dürfen, Gottes Sohn kommt als Erlöser auf die Welt, nicht als Geschenkeverteiler! Gottseidank hat unser Christkind keinen packerlbeladenen Schlitten mit vorgespanntem Rennviech wie sein amerikanischer Kollege und muss sich auch nicht durch den Kamin ins Haus zwängen. Es soll nur geboren werden, bei uns sein, Freude verbreiten und Gutes verheißen. Ist das zu wenig?

Das schönste Fest feiern Familien, denen es gelingt, Weihnachten und Geschenke gedanklich zu trennen, sich auf beides zu freuen, ohne Christkind und Beschenktwerden in ursächlichem Zusammenhang zu begreifen.