Wer Mundart und Hochdeutsch spricht, lernt leichter Fremdsprachen

[62] OÖN 5. Juli 2012 

„Sind Mühlviertler da?“ fragt der Französisch-Professor 1965 seine neue Klasse. Zögernd geben wir uns zu erkennen. Der Professor nickt anerkennend: „Ihr könnt gut Französisch lernen“. Unsere typischen Nasallaute haben es ihm angetan. Hochdeutsches lässt er uns ins Mühlviertlerische übertragen:
„Dort stellen sich mehrere an – auf der anderen Seite stellen sich ohnedies auch einige an.“
„Dort schdöön si oa ã – gengüwa schdöön si e a oa ã.“
Wer das fließend, verschmelzend sagen kann, kann auch französische Wörter aussprechen. Bei uns klingt „Krähe“ genauso aus wie bei den Franzosen „grand“ [grãː]. Ja, Kinder, die Mundart sprechen und auch zu Hochdeutsch angehalten werden, lernen Fremdsprachen leichter als jene, denen immer “sprich schön!” eingebläut wird.

Auch das war Thema beim 2. internationalen Dichtertreffen „mundART 2012“ des Stelzhamerbundes in Linz. Die Künstlerin Marlene Harmtodt-Rudolf verblüffte mit jüngsten Erfahrungen: Im Südburgenland sei es wieder „in“, die alte heanzische Mundart zu sprechen, „die Jugendlichen reißen sich geradezu um die Mundart, wer sie nicht spricht, ist ein Außenseiter“. Mundart-Puristen begegnet Harmtodt-Rudolf mit der Forderung, Kinder sollten drei Sprachen beherrschen: erstens die lokale Mundart, „damit man weiß, wo man das Gartentürl aufmacht, um daheim zu sein“, zweitens die deutsche Schriftsprache und drittens Englisch, um im Berufsleben zu bestehen. „Macht doch nichts, wenn sie englische Wörter in die Mundart mischen – wichtig ist, dass der Klang erhalten bleibt“.

Sogar in der Globalisierung sieht der oö. Autor und Soziologe Hans Dieter Mairinger eine Chance für die Mundart, sie erzeuge als Gegenbewegung eine neue Regionalisierung der Sprache. Dialekt als Abwehrmittel.

Provokant der Befund des bayerische Schriftstellers Josef Wittmann: „Mir san mir, dieses Wir-Gefühl löst die Mundart aus – das kann aber ausarten!“ Sprache sei nämlich auch ein Machtfaktor und werde bewusst eingesetzt, um Macht zu demonstrieren oder um sich anzubiedern. „In Österreich gibt’s den Fekter-Effekt wie in Bayern den Piefke-Effekt. Da kommen Leute mit klirrendem Norddeutsch, die diese Presslufthämmer-Sprache bewusst anwenden, weil sie wissen, dass sie uns damit die Ohrwascheln runterdreschen“.

Fotos: KH