Wie St. Marienkirchen an Spott und Hohn feilt

[47] OÖN 15. März 2012 

An spöttischen Büttenreden tüfteln Autoren schon im Advent, an Karfreitagstexten im Fasching. Zur Unzeit. Denn nur antizyklische Vorbereitungen ermöglichen Veranstaltungen, wie sie zum Jahreslauf gehören. Deshalb wird in einem Innviertler Musterdorf der Volkskultur schon lange an „Spott und Hohn – Gottessohn“ gefeilt, dem traditionsreichen Passionssingen von St. Marienkirchen am Hausruck, das heuer in der Wallfahrtskirche am Sonntag, 25. März 19.30 Uhr stattfindet.
An der Wurzel der Entwicklung steht ein junger Lehrer. Am 14. Oktober 1961 wird der 24-jährige Hans Samhaber, Volksschullehrer in Eberschwang, in den Nachbarort St. Marienkirchen versetzt. „Ab morgen. Keine Widerrede.“ Seine Reaktion: „In diesem Nest werde ich nicht alt!“ Jetzt ist Samhaber 75 und liebt dieses Nest seit einem halben Jahrhundert.
Er gründet den anfangs als „Keuchhustenverein“ belächelten Chor und, als Dachorganisation vielseitiger Aktivitäten, die Arbeitsgemeinschaft für Dorfkultur. Schon 1962 findet das erste Adventsingen statt – trotz klirrender Kälte, „dass die Töne einfrieren“, im Freien. 1974 führt er Oberösterreichs erstes Passionssingen ein. Dafür schreiben sie das Matthäus-Evangelium in ihre Mundart um: Josef Kettl schlüpft in die Rolle des Evangelisten, Wolfgang Samhaber lässt Jesus innviertlerisch sprechen, Vater Hans steuert Zwischentexte und Szenen bei, komponiert auch Lieder.
Für sein „Nest“ tut er alles. Sein Aktionsfeld dehnt sich aber auf das ganze Bundesland aus. In der oö. Volkskultur ist er Experte und Ratgeber für eh alles. Titel hat er zwar – Direktor, Konsulent, Präsident –, braucht sie aber nicht. Nach seinem Bekanntheitsgrad lechzen viele Politiker.
Allein an dem weißen Gewächs, das er als Frisur ausgibt, erkennt man ihn. Seine wahren Markenzeichen sind freilich Menschlichkeit und Bescheidenheit. Was er selbst für seinen „aufbrausenden“ Charakterzug hält, ist schlimmstenfalls eine profane Variante heiligen Zorns.